Regionalität ist gefragt. Doch «regional» auf einer Verpackung bedeutet nicht automatisch, dass Rohstoffe und Wertschöpfung tatsächlich aus der Region stammen.
«Je weiter der Konsument vom Produzenten entfernt ist, desto wichtiger wird ein Label»
Interview ― Michelle Wüthrich
Bilder ― Alpinavera

Alpinavera will hier Transparenz schaffen. Die Organisation vernetzt Verarbeitungsbetriebe und Produzenten mit Handel und Gastronomie und unterstützt die Vermarktung zertifizierter Regionalprodukte. Geschäftsführerin Jasmine Said Bucher entwickelte 2005 die erste Projektskizze. Heute begleitet Alpinavera rund 580 bis 590 Betriebe mit etwa 3200 zertifizierten Produkten.

Frau Said Bucher, die Idee zu Alpinavera stammt von Ihnen. Was wollten Sie 2005 erreichen?
Mir war wichtig, etwas Gemeinschaftliches aufzubauen. Daraus entstand eine Plattform für Produzenten und Verarbeitungsbetriebe aus der Land- und Ernährungswirtschaft. 2006 gründeten wir den Verein, seit 2007 sind wir operativ tätig. Heute vermitteln wir Kontakte zu Handel und Gastronomie, organisieren gemeinsame Auftritte an Märkten und Messen und begleiten Promotionen. Gerade kleinere und mittelständische Produzenten sollen so neue Absatzmöglichkeiten erhalten. Voraussetzung sind zertifizierte Produkte.
«Regional» steht heute auf unzähligen Produkten. Ist überall «regional» drin, wo «regional» draufsteht?
Nein. Regionalität kann sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Ein Unternehmen kann beispielsweise seinen Sitz in einer Region haben – das sagt aber noch nichts darüber aus, woher die Rohstoffe stammen oder wo die Wertschöpfung stattfindet. Wir beschäftigen uns deshalb bewusst mit «regio.garantie»-zertifizierten Regionalprodukten. Das hat für mich viel mit Glaubwürdigkeit zu tun.

Dabei waren Sie selbst einmal skeptisch gegenüber solchen Kontrollen.
Ja. Am Anfang dachte ich: Die Produzenten sagen mir, dass alles regional ist, also kann ich mich darauf verlassen. In der Praxis stellte ich aber fest, dass es Betriebe gibt, die es mit ihren Angaben nicht ganz so genau nehmen. Das hat meine Haltung verändert. Heute halte ich eine unabhängige Zertifizierung für zwingend notwendig.
Bei einem Käse ist die Sache noch relativ einfach. Aber wie regional ist beispielsweise eine Nusstorte?
Da wird es bereits komplizierter. Bei zusammengesetzten Produkten müssen grundsätzlich 80 Prozent der Zutaten aus der Region stammen. Bei einer Nusstorte schauen wir also nicht nur darauf, wo sie gebacken wird. Auch Mehl, Butter und – sofern verfügbar – die Nüsse sollen aus der Region kommen, ansonsten aus der Schweiz.
Und genau dort beginnen die spannenden Fragen: Was machen wir mit dem Zucker, wenn es in der Region gar keinen gibt? Was passiert, wenn eine Ernte ausfällt? Oder wenn schlicht nicht genügend von einem Rohstoff vorhanden ist? Für solche Fälle gibt es klar geregelte und zeitlich begrenzte Ausnahmen. Ein Betrieb kann aber nicht einfach ausserhalb der Region einkaufen. Er muss zuerst prüfen und teilweise nachweisen, dass die Zutat regional tatsächlich nicht verfügbar ist.

Was passiert, wenn eine wichtige Zutat regional nicht erhältlich ist?
Dann gibt es klar geregelte, zeitlich begrenzte Ausnahmen. Schweizer Zucker ist beispielsweise möglich, weil es keinen regionalen Zucker gibt. Auch bei Ernteausfällen oder fehlenden Mengen können Ausnahmen bewilligt werden. Ein Betrieb darf aber nicht einfach ausserhalb der Region einkaufen. Teilweise muss er nachweisen, dass die Zutat regional tatsächlich nicht verfügbar ist.
Kann eine solche Zertifizierung sogar dazu führen, dass Bauern etwas Neues anbauen?
Durchaus. Wir haben beispielsweise eine Brauerei in Graubünden begleitet, die für ihr Bier regionale Braugerste benötigte. Nur: Es gab zunächst gar keine genügende Menge, die die Bauern in konventioneller Qualität angebaut hätten, also verfügbar gewesen wäre.
Also mussten zuerst Produzenten gefunden werden. Dann wurde angebaut, und erst danach zeigte sich, ob die Kultur funktionierte und welche Mengen möglich waren. Landwirtschaft lässt sich eben nicht von heute auf morgen umstellen.
Genau solche Entwicklungen finde ich spannend. Wenn ein benötigter Rohstoff in der Region fehlt, können daraus neue Produktionsmöglichkeiten für Landwirtschaftsbetriebe entstehen. So wächst im besten Fall eine ganze regionale Wertschöpfungskette.

Die Zertifizierung bedeutet für die Betriebe aber auch zusätzlichen Aufwand.
Das kann aufwendig sein. Deshalb begleiten wir die Produzenten vor der eigentlichen Kontrolle und helfen bei Rezepturen, Herkunftsnachweisen und Dokumenten. Kontrolle und Zertifizierung führen unabhängige externe Stellen durch.
Eine gute Vorbereitung wirkt sich auch auf die Kosten aus, denn die Kontrolle wird nach Aufwand verrechnet. Sind die Unterlagen vollständig, kann sie effizienter durchgeführt werden. Wir wollen also nicht nur Anforderungen stellen, sondern den Produzenten helfen, diese möglichst unkompliziert zu erfüllen.
Versucht trotzdem einmal jemand, die Regeln auszureizen?
Natürlich gibt es Detailfragen und auch Menschen, die nach Lücken suchen. Deshalb sind die Richtlinien über die Jahre umfangreicher geworden. Etwa bei der Frage, wie lange ein Tier in einer Region gehalten worden sein muss, damit sein Fleisch als regional gilt. Solche Fälle führen dazu, dass Regeln präzisiert werden müssen.

Warum sollte sich ein kleiner Betrieb diesen Aufwand überhaupt antun?
Ein Label wird vor allem dann wichtig, wenn Produzent und Konsument nicht mehr direkt miteinander verbunden sind. Beim Direktverkauf sehe ich den Betrieb und kann nachfragen. Je weiter sich ein Produkt vom Produzenten entfernt, desto wichtiger wird eine glaubwürdige Kennzeichnung. Das Label schafft eine Brücke zwischen Produzenten und Konsument.
Für kleinere Käsereien, Metzgereien oder andere Verarbeiter bietet die Zertifizierung zudem die Möglichkeit, ihre Spezialitäten klar zu positionieren und sich von anderen Produkten abzuheben.
Ein Regionalprodukt kostet im Laden häufig mehr. Kommt davon tatsächlich mehr beim Bauern an?
Das hängt stark vom Produkt und vom Absatzkanal ab. Bei gewissen Spezialprodukten aus dem Berggebiet oder beispielsweise beim Bioberggetreide lässt sich ein deutlicher Unterschied feststellen. Bei anderen Produkten ist der Mehrpreis kleiner.
Entscheidend ist aber nicht nur der Preis für den landwirtschaftlichen Rohstoff. Ebenso wichtig ist, dass die Verarbeitung in der Region bleibt. Verschwinden regionale Verarbeitungsstrukturen und fliesst beispielsweise Milch in den allgemeinen Kanal, gelten die üblichen Marktpreise. Wird sie hingegen regional verarbeitet und daraus eine entsprechend positionierte Spezialität hergestellt, bleibt mehr Wertschöpfung in der Region.

Gab es schon einen Fall, bei dem Sie dachten: Hier stimmt etwas nicht?
Einmal erhielten wir einen ziemlich gravierenden Hinweis. Ein Metzger wurde beschuldigt, Schweine zu verarbeiten, die gar nicht aus der vorgeschriebenen Region stammen würden. Der Vorwurf ging gleichzeitig auch beim Lebensmittelamt ein. Wenn er gestimmt hätte, wäre das ein schwerer Verstoss gewesen.
Wir schalteten deshalb die unabhängige Zertifizierungsstelle ein. Die Kontrolleure erschienen unangemeldet – und zwar nicht nur beim Metzger. Sie überprüften auch den Landwirtschaftsbetrieb und den Schlachtbetrieb und verfolgten anhand der Unterlagen den gesamten Weg der Tiere zurück.
Und? Wurde tatsächlich geschummelt?
Nein. Der Vorwurf stellte sich als falsch heraus.
Gerade dieser Fall zeigt für mich aber sehr schön, weshalb es die unabhängige Kontrolle braucht. Der Produzent war durch den Vorwurf stark diskreditiert worden. Dank der Kontrolle konnte er belegen, dass er korrekt gearbeitet hatte. Eine Zertifizierung schützt also nicht nur Konsumenten vor falschen Angaben – sie kann auch Produzenten vor falschen Anschuldigungen schützen.

Trotzdem sieht ein Bauer sein Produkt vielleicht später für ein Vielfaches des Rohstoffpreises im Laden.
Das ist tatsächlich ein Spannungsfeld. Gerade wenn ein Landwirt sein Produkt nicht selbst verkauft, ist der weitere Weg manchmal schwer nachvollziehbar. Dazwischen liegen aber Verarbeitung, Logistik und Handel.
Bei zertifizierten Regionalprodukten müssen deshalb mindestens zwei Drittel der Wertschöpfung in der Region stattfinden. Wir wollen nicht nur den landwirtschaftlichen Rohstoff, sondern die regionale Wertschöpfungskette als Ganzes stärken.
Der Warenwert zertifizierter Regionalprodukte ist schweizweit stark gestiegen. Ist «regional» mehr als ein Trend?
Bei unserer ersten nationalen Erhebung lagen wir bei ungefähr 800 Millionen Franken Warenwert. Inzwischen sind es rund zwei Milliarden Franken. Das betrifft den gesamten Verein Schweizer Regionalprodukte, nicht Alpinavera allein.
Die Entwicklung zeigt, dass das Interesse vorhanden ist. Menschen kaufen Regionalprodukte, weil sie Nähe suchen, kleinere Kreisläufe unterstützen möchten und davon ausgehen, dass Bauern und Verarbeiter angemessen entschädigt werden. Wir untersuchen diese Kaufmotive regelmässig und sehen auch bei den Umsätzen eine positive Entwicklung.

Sie begleiten Alpinavera seit über 20 Jahren. Was beeindruckt Sie heute noch an den Produzenten?
Ich finde es stark, welchen Weg die Produzentinnen und Produzenten auf sich nehmen und wie klar sie sich zur Regionalität bekennen. Eine Zertifizierung bedeutet schliesslich Aufwand.
Besonders schön finde ich, dass sich auch junge Menschen engagieren und erkennen, dass Regionalität eine echte Möglichkeit zur Profilierung sein kann. Dieses Commitment der Produzenten für ihre Regionalprodukte beeindruckt mich nach wie vor.

ALP'26
Einige Alpinavera-Produzenten mit ihren hervorragenden Spezialitäten kann man an der Alp’26 am Markt kennen lernen, die Produkte degustieren und auch einkaufen. Der spannende Wettbewerb an der Alp’26 gibt den Produzenten die Chance, voneinander zu lernen und sich stetig zu verbessern.
