Weinbau mit Schafen, und das biolgisch-dynamisch. Die Arbeitspraxis von Hoss Hauksson und sein Lebenslauf unterscheiden sich sehr von jenen der meisten seiner Kolleginnen und Kollegen.
Der etwas andere Winzer
Text ― Monika Gerlach
Bilder ― Monika Gerlach; Hoss Hauksson

Er kommt aus Island, hat seinen Doktor in Mathematik in Kalifornien (USA) gemacht und arbeitete dann als Banker in London (GB). Wenn man Hoss Hauksson in seiner Parzelle im Aargau antrifft, ist von seinem alten Leben erst mal nichts mehr sichtbar.
An einem Hang oberhalb von Döttingen wachsen seine Reben. Insgesamt bewirtschaftet der 56-Jährige eine Fläche von 3,5 Hektaren nach Bio-Demeter-Richtlinien. 20’000 Flaschen Wein werden jährlich abgefüllt. Die Hälfte ist von der Sorte Pinot noir, der Rest teilt sich auf in weitere drei rote und fünf weisse Sorten. Hoss Hauksson streift durch die Reihen, und sein Gesicht fängt an zu strahlen. Von seinen elf Ouessantschafen haben die ersten Nachwuchs bekommen. Nicht genug, dass das Bretonische Zwergschaf die kleinste Schafrasse Europas ist – die Lämmer sind noch viel winziger als ihre Genossinnen von anderen Rassen.

Hoss Hauksson freut sich jedes Jahr über die neuen Lämmer seiner Ouessantschafe.
«Ich habe einen optimalen Nutzen durch die Kombination Reben und Schafe», erklärt der heutige Winzer. Mit einer Widerristhöhe von bis zu 46 Zentimetern können sie den Reben kaum einen Schaden zufügen – im Gegenteil: Die Konkurrenzvegetation unter den Stöcken wird kurz gehalten, und unerwünschte Stammtriebe werden abgefressen. Die langen Ranken werden, bevor sie wieder den Boden berühren, abgefressen, so spart sich Hauksson das arbeitsintensive Einkürzen. Zusätzlich dienen Kot und Urin als willkommener Dünger.

Die Schafe helfen bei der Pflege des Weinbergs kräftig mit.
«Mit der Drohne spritze ich biodynamische Präparate und für Bio zugelassene Pflanzenschutzmittel.»
Die Schafe weiden in den Parzellen, die sehr steil sind und die sich schlecht für die mechanische Bearbeitung eignen. Ein fixer Zaun begrenzt ihren «Arbeitsort». Die Parzellengrösse hat Hauksson so gewählt, dass er nicht ständig umzäunen muss, denn es wartet auch noch andere Arbeit auf ihn.
In diesem Frühling hat das Wetter gepasst. Kein Frost und kein Unwetter haben den Kulturen Schaden zugefügt. Auffallend ist die Wuchsform der Rebstöcke. Der Stock erreicht eine Höhe von ungefähr 160 cm. Die fruchttragenden Zweige wachsen waagrecht. Der Wind hilft bei der Linienführung. «Es entsteht eine vertikale Laubwand, und dadurch ist die Spritzung mit der Drohne effizienter», erklärt Hauksson seine Motivation, während er durch die Reben läuft. Und er ergänzt: «Mit der Drohne spritze ich biodynamische Präparate und für Bio zugelassene Pflanzenschutzmittel.»

«Ich möchte keine Waldkrone simulieren, sondern den Waldboden.»
Auf der Website der Hauksson Weine GmbH steht, dass sich der Mathematiker von der regenerativen Agrikultur inspirieren liess. Hauksson betreibt Vitiforst. In seiner Parzelle wachsen zwischen den Reben Hasel, Schäflibirnen, Lederapfel, Speierling, Holunder und Sanddorn. «Ich möchte keine Waldkrone simulieren, sondern den Waldboden.» Liegt Holz auf dem Boden und durchdringen lebende und tote Wurzeln das Erdreich, ist das die perfekte Umgebung für Mykorrhizapilze. Dieser streu- und holzabbauende Pilz hilft, Blätter und Holz abzubauen und deren Inhaltsstoffe in den Nährstoffkreislauf zurückzuführen. Der Baum oder die Rebe gibt das Photosyntheseprodukt Zucker an den Pilz ab, und im Gegenzug gibt der Mykorrhizapilz Stickstoff und Phosphor an die Pflanze weiter. «Auch Pflanzen haben ein Verdauungssystem – aber ausserhalb», erklärt er.



Die Weine von Hoss Hauksson werden mit Holunderblüten oder den Früchten des

Sanddorns oder Speierlings aromatisiert.
Der Waldboden bestehe aus 90 Prozent Pilzen und zu 10 Prozent aus Bakterien. In den Reben liege das Verhältnis bei 50 zu 50. Mit seinem Vitiforst-Konzept hofft Hauksson auf ein besseres Verhältnis von Pilzen zu Bakterien. «Rein intuitiv würde ich sagen, die Reben sind gesünder, und der Wein hat auch einen besseren Geschmack.» Und neben den Ansätzen im Pflanzenbau profitiert der Winzer auch von den Früchten seines Vitiforstes. Die Äpfel werden zu Cidre verarbeitet und seine Weine mit Holunderblüten oder den Früchten des Sanddorns oder Speierlings aromatisiert.
Hoss Hauksson ist ein guter Beobachter der Natur und kombiniert diese Gabe mit dem logischen Denken eines Mathematikers. Auf die Frage, warum er seinen gut bezahlten Job in der Finanzbranche gegen den Beruf des Winzers eingetauscht hat, antwortet der Isländer direkt: «Weil man Geld nicht aufs Brot streichen kann.»
