Eine grosse Portion Mut, Eigenwille und der Glaube an die Natur sind das Rezept von Marcel Heinrich und seiner Frau. Auf ihrem Biohof mit Bergackerbau und Tierhaltung gehen sie mit viel Optimismus abseits ausgetretener Pfade ihren Weg.
Pioniergeist und regenerative Leidenschaft im Albulatal
Text ― Silvana Roffler
Bilder ― Michelle Wüthrich

Marcel Heinrich ist ein Mann der klaren Prinzipien und ein Visionär der Berglandwirtschaft. Als gelernter Forstwart und Meisterlandwirt führt er gemeinsam mit seiner Frau Sabina den elterlichen Betrieb Biohof Las Sorts in Filisur. Seit der Übernahme im Jahr 2001 hat sich der Hof grundlegend gewandelt. Wo einst Marcels Vater als bekannter Züchter von Brown-Swiss-Kühen die Milchwirtschaft forcierte, steht heute ein vielschichtiger, regenerativer Betrieb, der den Boden als wertvollstes Gut betrachtet. Die Familie, zu der drei Kinder gehören, bewirtschaftet insgesamt 33 Hektaren Land in einer extremen Höhenlage zwischen 900 und 1900 m ü. M. Etwa ein Drittel dieser Fläche sind Fruchtfolgeflächen, die den Rahmen für einen anspruchsvollen Bergackerbau bilden. Unterstützt wird das Betriebsleiterpaar von zwei Lehrlingen, während das Team in der intensiven Erntezeit im Herbst auf bis zu 13 Angestellte anwächst.

25 bis 30 Kartoffelsorten mit faszinierendem Farbspektrum werden auf dem Biohof produziert.
Die Renaissance der Bergkartoffel: Erfolg durch Mut zur Nische
Die Leidenschaft für den Bergackerbau wurde Marcel Heinrich in die Wiege gelegt, da die Familie schon immer Kartoffeln anbaute. Doch nach der Hofübergabe stiess er schnell an wirtschaftliche Grenzen. Mit herkömmlichen Sorten war der Betrieb preislich nicht konkurrenzfähig. Dieser Druck gab den Anstoss für die Entscheidung, den Fokus auf alte, fast vergessene Sorten zu setzen.
Rückblickend betont Heinrich, dass dieser Weg viel Überzeugungsarbeit erforderte. «Damals hat niemand auf rote Kartoffeln gewartet», erklärt er schmunzelnd. Er musste Köchen und Konsumenten erst vermitteln, warum diese alten Sorten einen kulinarischen Mehrwert bieten und wie sie korrekt zubereitet werden. Neben dem Marktvorteil überzeugten ihn die alten Raritäten vor allem durch ihre Robustheit: Ihr tiefes Wurzelwerk ermöglicht es ihnen, auch im rauen Bergklima des Albulatals zu gedeihen, eine Eigenschaft, die vielen modernen Hochleistungssorten verloren gegangen ist.

Marcel Heinrich ist passionierter Biolandwirt und bewirtschaftet 33 Hektaren Land

mit extremen Höhenlagen.
Der Durchbruch gelang im Jahr 2005 durch ein grosses Hoffest. Kurze Zeit später stieg der Chefkoch Freddy Christandl mit ins Boot. In dieser Zusammenarbeit vereinte sich landwirtschaftliches Produzentenwissen mit kulinarischem Know-how und einem starken Netzwerk in die Gastronomie. Heute beraten die beiden Partner Köche aktiv in der optimalen Verarbeitung der verschiedenen Knollen. In der Spitze wurden zeitweise bis zu 60 Sorten getestet. Mittlerweile hat sich ein Sortiment von 25 bis 30 Sorten etabliert, die ein faszinierendes Farbspektrum abdecken. Besonders stolz ist der Betrieb auf seine Unabhängigkeit: Die gesamte Ernte von 50 bis 70 Tonnen wird vollumfänglich direkt vermarktet, um nicht von Grossabnehmern abhängig zu sein. So bleibt das Risiko überschaubar, falls ein Partner wegfallen sollte. Auch wenn die Ernte auf den steinreichen Feldern mühsam ist und es viele helfende Hände zum Aussortieren auf dem Vollernter braucht, rechtfertigt die Qualität am Ende jeden Stein.

Die Bergackerbohne steigert mittels Stickstofffixierung die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig.
Die Bergackerbohne: Proteine als Gewinn für den Boden
Im Jahr 2016 startete auf Las Sorts ein weiteres wegweisendes Projekt: der Anbau von Proteinpflanzen. Die Familie Heinrich erkannte den Mangel an Schweizer Proteinquellen und entschied sich für die Bergackerbohne «Reckingen» aus dem Oberwallis. Wie bei den Kartoffeln bewährt sich hier eine Sorte, die optimal an die rauen Bedingungen des Albulatals angepasst ist.
Der Weg zum marktfähigen Produkt erforderte Geduld. Da anfangs kaum Saatgut vorhanden war, musste Heinrich die Bestände über Jahre vermehren. Seit 2020 wird die Ernte nun veredelt und als Mehl, Bruch oder Griess direkt verkauft. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt der Nischenproduktion bietet die kleine Bohne wertvolle agronomische Vorteile für den Biobetrieb: Sie durchwurzelt den Boden auf eine ganz eigene Weise und fügt sich hervorragend in die bestehende Fruchtfolge von Kartoffeln und Getreide ein. Ein entscheidender Faktor für die regenerative Bewirtschaftung ist zudem ihre Fähigkeit zur Stickstofffixierung: Pro Hektare bindet die Bergackerbohne rund 200 kg Stickstoff im Boden, was die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig steigert und den nachfolgenden Kulturen zugutekommt.

Marcel Heinrich bereut es, den Schritt zum Agroforst nicht schon früher gewagt zu haben.

Agroforst: Bäume als Klimamanager auf dem Acker
Obwohl bereits früher Bäume gepflanzt wurden, wird das System des Agroforsts auf Las Sorts seit einigen Jahren strategisch und professionell betrieben. Marcel Heinrich sieht in der Kombination von Bäumen und Ackerkulturen enorme Synergien. Die Bäume fungieren als natürliche Pumpen, die Wasser und Nährstoffe aus tiefen Schichten nach oben holen und für die Kulturen verfügbar machen. Zudem schützen sie vor Erosion und kühlen durch ihren Schatten das Mikroklima auf dem Feld – ein unschätzbarer Vorteil bei zunehmender Sommerhitze. Besonders faszinierend ist die Wirkung auf das unsichtbare Leben im Boden: Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) konnte nachweisen, dass das Mykorrhiza-Netzwerk (Bodenpilze) durch die Baumreihen massiv gestärkt wird. Heinrich gibt offen zu, dass er anfangs eine Hemmschwelle hatte, seine offenen Ackerflächen durch Baumreihen zu unterbrechen. Heute bereut er es, diesen Schritt nicht schon früher gewagt zu haben, da die positiven Effekte auf Bodenstruktur und Ertragssicherheit bereits deutlich sichtbar sind.

Im Hofladen ist ein ausgewähltes Sortiment an Bio-Produkten erhältlich.

«Der Boden muss im Gleichgewicht sein».
Regenerative Landwirtschaft: Den Kreislauf schliessen
Auf dem Biohof Las Sorts ist regenerative Landwirtschaft gelebte Praxis. Das Ziel ist eine permanente Bodenbedeckung, um die Vitalität der Erde zu erhalten. Unmittelbar nach der Kartoffelernte wird bereits die Gründüngung gesät. Auch in Getreide- und Bohnenkulturen wächst immer eine Untersaat mit, die den Boden schützt. In Zusammenarbeit mit der ETH, dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) und der ZHAW werden verschiedene Versuche durchgeführt, etwa Ackerbohnen mit einer Roggenuntersaat. Dass dabei nicht immer alles wie gewünscht klappt, wird sportlich genommen. Ein gewisser Durchwuchs wird toleriert, da dieser meist eher die Optik stört, als dass er der Kultur oder dem Boden schadet. Diese Flächen werden im Herbst oft beweidet, wodurch die Nährstoffe direkt auf der Fläche verwertet werden. Bei der Bodenbearbeitung setzt Heinrich auf die Spatenmaschine. «Der Boden muss im Gleichgewicht sein», lautet sein Credo. Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Aufbereitung des hofeigenen Düngers. Gülle wird mit Effektiven Mikroorganismen (EM), Pflanzenkohle und Heutee versetzt, damit sie geruchsneutral und biologisch hochwirksam ist. Auch der Mist wird mit Steinmehl und Kohle veredelt und regelmässig gewendet. Selbst die Tiere werden einbezogen: Die 20 Grauvieh-Mutterkühe erhalten EM direkt über das Futter, was die Mikrobiologie von Anfang an unterstützt.




Tierhaltung mit Charakter: Das Tiroler Grauvieh
Früher wurde auf dem Biohof noch gemolken, wobei Marcel schon damals auf weniger intensive Strategien und robustere Kühe setzte. Mit der zunehmenden Intensivierung des Ackerbaus folgte schliesslich die konsequente Umstellung auf Mutterkuhhaltung. Heute prägen 20 Mutterkühe mit ihren Kälbern das Bild des Betriebs. Die Sommermonate verbringen die Tiere auf der Alp, während sie den Rest des Jahres auf dem Hof ausschliesslich vom hofeigenen Grünland leben. Kraftfutter gibt es nur in Ausnahmefällen in der Startphase, lediglich einige «Ausschuss-Kartoffeln» ergänzen im Winter die Ration aus Heu und Silage.
Die Kälber – meist Kreuzungen mit Fleischrassen wie Limousin oder Blonde d’Aquitaine – werden primär über das Programm «Bio Weide-Beef» vermarktet, während ein kleiner Teil über den Hofladen oder in Mischpaketen direkt an die Endkunden gelangt.
Dass Grauvieh oft als eigenwillig oder gar «böse» verschrien ist, kann Marcel definitiv widerlegen. Die Entscheidung für das Tiroler Grauvieh war eine bewusste Wahl des Charakters wegen. Für den Betriebsleiter steht fest: Diese Mischung aus Sanftmut und Eigenständigkeit passt perfekt zur Philosophie und zum restlichen Charakter des Biohofs Las Sorts.

Fazit: Positivität als grösste Ressource
Trotz aller Erfolge verlief der Weg auf Las Sorts nicht immer ohne Rückschläge. Wühlmäuse, die Aprikosenbäume frassen, oder Viren in den Kartoffelknollen forderten das Paar heraus. Doch das Motto auf dem Hof ist spürbar: Positivität. «Geht nicht, gibts nicht.» Marcel und Sabina führen ihren Betrieb auch nach 25 Jahren mit ungebrochenem Herzblut.
Auf die Frage, ob er nie über den Einsatz von chemischem Pflanzenschutz nachgedacht habe, antwortet Heinrich bestimmt: «Das ist bei uns keine Option. Weshalb sollte ich meine Zeit mit Gedanken an Dinge verschwenden, die ich ohnehin nicht umsetzen will?» Er denkt lösungsorientiert und lässt sich nicht von Was-wäre-wenn-Szenarien bremsen. Für ihn ist der Beruf des Landwirts ein Traumberuf – eine Botschaft, die er gerne an die nächste Generation weitergibt. Fehler gehören für ihn zum Prozess des Lernens dazu, denn er ist überzeugt: Wer Positives gibt, bekommt Positives zurück.
