Ihr Ziel war es, alte Sorten zu züchten und damit zu erhalten. Deshalb gründete das Ehepaar Zollinger vor 40 Jahren eine Saatgutfirma. Heute führen ihre drei Söhne das Unternehmen – mit Erfolg. Nicht zuletzt, weil sie auf die Lebensumstände der neuen Kundschaft reagieren. Ihre Arbeit beinhaltet aber noch mehr und könnte im Extremfall mit der Rettung der Gesellschaft zu tun haben.
Die Kinder der Pioniere mit ihren Samen
Text ― Julia Spahr
Bilder ― Stephanie Wittmer

Die Zollingerbrüder Tizian, Til und Tulipan (v.l.).
Da steht ein kleiner Busch. 50 cm hoch. Höchstens. Gerappelt voll mit reifen Cherrytomaten und dichten Blättern. Der Stiel der Pflanze ist kaum zu sehen. Daneben ein Stängel, der gut vier Meter in die Höhe ragt. Schlank und nur hie und da hängen Blätter und grosse Früchte daran. Gegensätzlicher könnten die beiden Pflanzen kaum wirken. Und doch sind beides Tomaten. «Das macht diese Pflanze so faszinierend. Die unglaubliche Sortenvielfalt.»


Das sagte Tulipan Zollinger im September, kurz bevor die Samen erntebereit waren. In einem Beet mit verschiedenen Tomaten werden 60 Sorten auf Besonderheiten wie Ertrag, Resistenz oder Blattbildung untersucht. In einem anderen Teil der Anlage kultivieren Zollinger und sein Team einzelne Pflanzen auf separaten Parzellen, um Saatgut zu gewinnen. Genau dieses Saatgut interessiert die Kundschaft jetzt. Es wird in kleine Briefchen verpackt und in die ganze Schweiz sowie ins nahe Ausland verschickt – rechtzeitig zur Aussaat in Gärten und auf Balkonen.
Auf den Briefchen steht der Name «Zollinger Bio».

In diesen Briefchen werden die Samen verschickt.
So heisst das Unternehmen, das Christine und Robert Zollinger vor über 40 Jahren gegründet haben. In Amriswil im Kanton Thurgau fingen sie mit biologischer Samenzucht an. Mit dem Ziel, alte Sorten, die am Aussterben waren, weiterzuzüchten und zu vermehren, um sie wieder unter die Leute zu bringen und so zu bewahren.
1991 kauften sie in Les Evouettes im Unterwallis einen Betrieb. Er liegt in der Region zwischen Genfersee und St-Maurice, im Rhone-Delta. Eine fruchtbare, wüchsige Gegend. Mit wenig Frost und Schnee im Winter. Ideale Bedingungen also. Das erzählt Tulipan Zollinger, während er von den Tomaten zu den Salaten geht. Er ist einer der Söhne des Ehepaars und hat mit zweien seiner drei Brüder vor zehn Jahren die Firma übernommen.


Neue Bedingungen
Am Grundkonzept haben die Söhne wenig verändert. Sie machen weiterhin ihre eigenen Züchtungen. Unterdessen sind es 450 Sorten. Im ersten Katalog der Eltern waren es gerade 12.
Zwei Drittel des Sortiments umfassten Gemüse und Früchte, der Rest sind Blumen, Kräuter und Gründüngungsmischungen.
Viel in ihrem Sortiment wurde lokal gezüchtet. Das behalten sie bei und passen es mit Weiterzüchtungen den neuen Anforderungen an: an neue Klimabedingungen, Trends und Geschmacksrichtungen.
Heute gehen die Trends in Richtung kleinerer Gärten oder Balkone. «Bis vor zehn Jahren waren unsere typischen Kunden im Alter unserer Eltern», sagt der 41-jährige Zollinger. «Sie hatten grosse Gärten und viel Know-how. Bei einer Tomate stand im Katalog vor zehn Jahren ‹aussäen im März, ernten im Juli›. Das reichte an Information. Alle wussten, was zu tun ist.» Heute ist das anders. Die gartenerfahrene Generation wird älter und hört nach und nach auf. Einfamilienhäuser mit grossen Gärten weichen vielerorts Blöcken mit mehreren Wohnungen und weniger Grünfläche. Es geht also viel Erfahrung verloren, und selbst, wer sich fürs Gärtnern interessiert, hat nicht mehr die gleichen Möglichkeiten wie die Grosseltern. «Auch wenn sie supermotiviert sind, brauchen sie Hilfe, sonst wird ihr Gemüseanbau ein Misserfolg», sagt Zollinger. Er will ihnen aber ein Erfolgserlebnis bescheren. Deshalb passen die Unternehmer Zollingers ihr Sortiment an. Sie züchten und vermehren Sorten, die einfacher im Anbau und auch für den Balkon und das Hochbeet geeignet sind. Wie beispielsweise die eingangs erwähnte kleine Pflanze voller Tomaten. Sie ist eine Neuzüchtung und heisst «Balkonia». Sie sei sehr beliebt – gerade bei Balkongärtnerinnen. Zum Gartenerfolg tragen Zollingers auch bei, indem sie seit einiger Zeit nicht nur Samen, sondern auch Setzlinge verschicken. Und sie liefern Videos zu verschiedenen Themen und einen wöchentlichen Newsletter mit aktuellen Gartentipps.

Heute werden auch Setzlinge versendet.
Kundenbindung dieser Art ist Tulipan Zollingers Arbeitsbereich. Er ist im Unternehmen für das Marketing und den Verkauf verantwortlich, während sich einer seiner Brüder um die Geschäftsleitung und der andere um Züchtung und Verkauf kümmert.
Tulipan Zollinger hat aber auch Kenntnisse von der Materie. Er studierte in Wädenswil Gemüsebau. Für den Master ging er nach Wageningen in Holland und nach Kalifornien an führende Unis im Gebiet der Pflanzenzüchtung.

Tulipan bei den Sonnenblumen.
Biodiversität auf allen Ebenen
Während Zollinger spricht, huschen hin und wieder Eidechsen über die schmalen Wege entlang der Pflanzenbeete. Und zwischen aufgestängelten Salatstauden hat eine Spinne ihr Netz gespannt. «Ist sie nicht schön?» Zollinger deutet auf das stattliche Tier mit einem gelb-schwarz-weissen Muster auf dem Rücken. «Das ist eine Wespenspinne.» Der Garten mit den biologischen Pflanzen lebt. Hier fühlen sich verschiedene Lebewesen wohl.




Biodiversität bei Zollingers.

Biodiversität ist aber nicht nur zwischen den Pflanzenstauden wichtig. Was Zollingers auf ihren rund 30 Hektaren betreiben, ist gelebte Biodiversität. «Unsere Mission ist es, Hüter dieser Sorten zu sein. Viele sind dank der Arbeit meiner Eltern erhalten geblieben», sagt er. Es ist aber nicht nur ihre eigene Mission.1993 fand eine UN-Konferenz zu Biodiversität statt, aus der das Abkommen von Rio hervorgegangen ist. Darin hat sich die Schweiz verpflichtet, die Biodiversität in ihrem Land zu sichern. Auch im Bereich der Nutzpflanzen. Unter anderem dafür hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) den sogenannten NAP-PGREL ins Leben gerufen. Den «nationalen Aktionsplan zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft». Zollinger lacht, nachdem er den sperrigen Namen in einem Atemzug und ohne Stolpern gesagt hat. Zum Aktionsplan gehören verschiedene Projekte. Seit 25 Jahren sind Zollingers dabei und beteiligen sich.
Sie unterstützen das BLW etwa bei der Erneuerung des Saatguts in dessen grössten Sammlung, der Genbank von Agroscope in Changins VD. Darin sind über 10’000 verschiedene Saatgutposten eingelagert. Alle acht Jahre müssen sie erneuert werden. Dafür sind Zollingers verantwortlich. Sie erhalten die zu erneuernden Samen, pflanzen sie an, und sobald die neuen Samen geerntet sind, senden sie eine kleine Menge zurück an die Genbank.


So kommt es auch, dass einige ihrer Samen weit in den Norden reisen: Ein Teil des Sortiments der Genbanken wird im Saatguttresor von Svalbard auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen eingelagert. «In einem Katastrophenfall kann die schweizerische Genbank darauf zurückgreifen», heisst es dazu auf einer Seite des BLW.
Zollingers Arbeit beinhaltet also mehr als das Verfolgen neuer Trends und die Versorgung von Balkongärtnern mit passendem Saatgut. Ihnen kommt eine weitere Aufgabe zu. Für den Fall der Fälle. Krieg. Klimakatastrophe. Systemversagen. Dann entscheidet nicht nur Technik über das Überleben einer Gesellschaft, sondern auch, ob noch Saatgut vorhanden ist.
Tulipan Zollinger scheint zufrieden mit seiner Arbeit, und bestimmt ist er sich seiner Verantwortung bewusst. Trotzdem geht er mit Leichtigkeit und Humor durch die Anlage. Er lacht, wenn man fragt, ob auf seinem Balkon auch Zollinger-Saatgut spriesse. «Mein Balkon daheim ist total kahl.» Er habe bei der Arbeit genug mit Pflanzen zu tun.
Auch Gemüse können sie dort jederzeit ernten. Wobei dessen Saatgut dann verloren ist. Es kann erst gewonnen werden, wenn das Gemüse und die Früchte überreif und nicht mehr geniessbar sind. Damit danach nicht alles Fruchtfleisch weggeworfen wird, stellen Zollingers mit einem Teil davon Kosmetik her. «Zizan!a» heisst die Linie und verkaufe sich gut. Doch das ist eine andere Geschichte. Wir haben sie hier bereits erzählt.
