Die hiesige Schweinehaltung ist stark spezialisiert, und es ist nicht ganz einfach, den Durchblick zu haben. Eine Übersicht von der Kern- und Vermehrungszucht über die Ferkelproduktion bis hin zur Mast und zum Marktgeschehen.
Schwein gehabt!
Text ― Bettina von Känel Kiener
Bilder ― Bettina von Känel Kiener; Freepik; zvg

Bild: Fabio Müller, Bern
Letztes Jahr lebten auf den Schweizer Bauernhöfen gut 97’000 Muttersauen. Diese produzierten die Jager, die rund ein halbes Jahr später als Mastschweine geschlachtet wurden. 2024 waren das rund 2,4 Millionen Schweine, was im Schnitt circa 45’000 Schlachtungen pro Woche ergab. Alles in allem hielten letztes Jahr 4726 Betriebe Schweine.
— Wo hat es schweizweit am meisten Schweine?
Die Kantone mit den meisten Schweinen heissen Luzern, Bern, Thurgau und St. Gallen. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) lebten auf den Luzerner Bauernhöfen 2024 insgesamt 401’375 Schweine, davon 34’053 Zuchtsauen. Im zweit grössten Schweinekanton, im Kanton Bern, war der Bestand letztes Jahr nur halb so gross. Das mit total 196’581 Schweinen, davon 17’562 Muttersauen. In der Bestandesrangliste 2024 folgte der Thurgau mit 150’562 Schweinen inklusive 10’334 Mooren und der Kanton St. Gallen mit 147’672 Schweinen, da von 9601 Muttersauen. Basel-Stadt war 2024 der einzige Schweizer Kanton ohne Schweine (siehe Grafik).
— Wie haben sich diese Zahlen in den letzten Jahren verändert?
Der Strukturwandel zeigt sich bei der Schweinehaltung deutlich. So gab es um die Jahrtausendwende noch 141’000 Mooren in der Schweiz, also fast ein Drittel mehr als heute. Laut der BFS-Statistik waren es im Jahr 2000 im Luzernischen 43’282 Muttersauen (9229 mehr als 2024), im Bernbiet 26’905 Sauen (9343 mehr als 2024), im Thurgauischen 15’710 Zuchtschweine (5376 mehr als 2024) und im Sankt-Gallischen 13’335 Mooren (3734 mehr als 2024). Damals hielten auch die wenigen Bauernbetriebe im Halbkanton Basel-Stadt noch 64 Mutterschweine.

— Wie ist die hiesige Zucht organisiert?
Das Schweizer Schweinezuchtmodell hat drei Stufen. Auf der untersten Stufe, den Kernzucht betrieben, werden reinrassige Jungsauen für die Vermehrung und reinrassige Eber für die KB-Stationen (künstliche Besamung) sowie für die Vermehrungsbetriebe produziert und verkauft. Gemäss dem Suisag Zuchtradar, der führenden Zuchtorganisation in der Schweiz, gab es letztes Jahr 29 Kernzuchtbetriebe, die im Schnitt 103 Sauen hielten. Vor 20 Jahren waren es noch 48 Be triebe mit durchschnittlich 68 Sauen. Bei den Mutterlinien steht die Reproduktionsleistung im Vordergrund, sprich die Fruchtbarkeit, die Wurfgrösse oder die Muttereigenschaft, bei den Vaterlinien die Mast- und Schlachtleistung. Auf der zweiten Stufe, den Vermehrungsbetrieben, wird die Mutterliniengenetik aus der Kernzucht vermehrt, und es werden F1-Jungsauen produziert. 2024 gab es bei der Suisag auf dieser Stufe 16 Betriebe mit je rund 74 Sauen. Bei diesem Zuchtschritt wird der Heterosis-Effekt genutzt. So kommt es bei der Anpaarung von Tieren verschiedener Rassen bei den Nachkommen zu einer Leistungssteigerung, und die Kreuzungstiere sind frühreifer, fruchtbarer und langlebiger. Auf den Produktionsbetrieben, der dritten Stufe, steht mit den F1-Sauen aus den Vermehrungsbetrieben die grosse Mehrheit der Muttersauen. Diese werden mit einem Vaterlinieneber besamt, meist künstlich, und bringen die Ferkel für die Mast zur Welt.
— Welche Zuchtorganisationen gibt es?
Zwei. Die grosse der beiden heisst Suisag und ist die Tochtergesellschaft von Suisseporcs, dem Verband der Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzenten. Der Sitz der Suisag ist in Sempach LU. Daneben gibt es die Qualiporc Genossenschaft mit Sitz in Appenzell AI. Beide Organisationen bieten neben der Genetik und der Herdebuchführung auch einen Gesundheitsdienst an.
— Welche Rassen werden hierzulande am häufigsten eingesetzt?
•Schweizer Edelschwein (Mutter- und Vaterlinie)
•Schweizer Landrasse (Mutterlinie)
•Duroc (Vaterlinie)
•Piétrain (Vaterlinie)
•Premo (Vaterlinie)
— Wie viele Ferkel produziert eine Muttersau?
Die Wurfgrösse liegt bei rund 13 Ferkeln, die Zahl der jährlich abgesetzten Ferkel bei circa 27. Laut dem Suisag-Zuchtradar 2024 sind die Würfe der Schweizer Sauen im europäischen Vergleich zwar eher durchschnittlich, doch ist über die Jahre betrachtet ein deutlicher Zuchtfortschritt zu erkennen.

— Wie ist die Schweinemast organisiert?
Auf der einen Seite hat rund ein Drittel der Betriebe eine geschlossene Produktion. Das heisst, die Muttersauen ferkeln auf den Bauernhöfen ab, auf denen auch die Ferkel gemästet werden. Auf der anderen Seite organisieren sich etliche Betriebe im Rahmen der arbeitsteiligen Ferkelproduktion (AFP). In einem solchen System sind Deck- und Wartebetriebe sowie Abferkel- und Aufzuchtbetriebe zusammengeschlossen. Organisiert wird das Ganze von den rund zwölf Vermarktungsorganisationen, die im Schweinehandel tätig sind. Die zwei grossen heissen Anicom und Profera. Zusammen bestimmen sie rund 50 Prozent des Marktgeschehens. Die Fenaco-Tochter Anicom AG hat ihren Sitz in Lyssach BE, die Profera AG im luzernischen Rothenburg. Weitere wichtige Namen sind die ASF AG aus Sursee LU, die Tiervermarktungsorganisation der IP-Suisse, die Johann Sutter AG aus Appenzell AI, die Fredy Müller / Phanta Porc Schweinevermarktung AG mit Sitz in Schlierbach LU, die Hügi AG aus Nebikon LU oder die Walter Arnold AG aus Schönenberg an der Thur TG. Dazu kommen noch ein paar kleinere Firmen. Laut Suisseporcs stammt jedes vierte Ferkel aus einem Ring.
— Wie kommt der Preis für die Jager zustande?
Die Preisempfehlung für die Jager wird jeden Dienstag von Suisseporcs publiziert und gilt für die laufende Woche. Die Empfehlung basiert auf dem Jagerpreismodell, das sich auf die aktuelle Marktsituation, auf eine Bedarfsprognose und auf den Erlösanteil der Zucht am Schlachtschweinepreis stützt. Ziel dabei ist laut der Produzentenorganisation eine faire Verteilung der Wertschöpfung.
— Wie funktioniert das Moorenbarometer?
In der Schweiz wird immer weniger Schweinefleisch gegessen. Aktuell liegt der Konsum bei 19,17 Kilo pro Person und Jahr (siehe Grafik). Schweinefleisch wird gerne grilliert, und dementsprechend gut ist die Nachfrage im Frühling und im Vorsommer und geht erfahrungsgemäss während der Sommerferien zurück. In dieser Zeit braucht es weniger schlachtreife Mastschweine. Damit dem so ist, müssen die Muttersauen zur richtigen Zeit belegt werden. Zur Erinnerung: Eine Muttersau ist drei Monate, drei Wochen und drei Tage lang trächtig, und von der Geburt eines Mastferkels bis zur Schlachtung dauert es circa sechs Monate. Ein Hilfsmittel für eine bedarfsgerechte Menge ist das Moorenbarometer, ein Ampelsystem von Suisseporcs, das den Schweineproduzentinnen aufzeigen soll, wann weniger Belegungen der Muttersauen erwünscht sind. So steht die Ampel von Mitte September bis Ende Januar auf Rot. Wird eine Moore dann belegt, sind ihre Ferkel in der saisonal schwierigsten Absetzperiode schlachtreif.

— Wie wird der Schlachtschweinepreis festgelegt?
Die Preisempfehlung wird wöchentlich ausgehandelt, je nach Angebot und Nachfrage, und am Donnerstag für die darauffolgen de Woche bekannt gegeben. Mit dabei sind der Handel und die Abnehmer. Die Interessen der Schweinehalter werden in der Fachkommission Markt von Suisseporcs koordiniert. Der Einfluss der verschiedenen Marktpartner bei der Preisbildung ist unterschiedlich. Den grössten haben die beiden Hauptabnehmer Bell (Coop) und Micarna (Migros). Zusammen übernehmen sie rund 70 Prozent der Schweizer Mastschweine.
— Wo werden die Schweine geschlachtet?
Neun von zehn Schweinen werden in einem der fünf folgenden Schlachtbetriebe gemetzgt: In Courtepin FR bei der Micarna SA, in Bazenheid SG bei der Schlachtbetrieb St. Gallen AG, die unter anderem der Ernst Sutter AG (Fenaco) sowie der Micarna gehört, im Schlachtbetrieb der Bell AG in Basel sowie im Schlachthof Zürich oder bei der FF Frischfleisch AG in Sursee LU.
— Wie läuft es aktuell auf dem Markt?
Laut Suisseporcs tendiert die derzeitige Inlandproduktion gegen 100 Prozent. Das ist zu hoch, als dass der Markt genügend rasch auf Veränderungen beim Angebot und bei der Nachfrage reagieren kann. Die Konsequenz sind sinkende Produzentenpreise.
— Was ist der Schweinezyklus?
Das Phänomen taucht in Märkten auf, in denen das Angebot eine lange Vorlaufzeit braucht, um sich an die veränderte Nachfrage anzupassen. Demzufolge schwanken die Angebotsmenge und die Marktpreise periodisch. Einem Angebotshoch folgt ein Preistief, das sich erst wieder erholt, wenn die Produktion der Nachfrage entsprechend reduziert wurde.

Bild: Linda Ambühl, Davos Dorf