Marianne Bernhart arbeitet für Swissgenetics am Standort Bütschwil SG und hat den Wandel dieses Standortes und der Branche aus nächster Nähe miterlebt. Angefangen hat sie im Labor, heute arbeitet sie im Büro in Administration, Beratung und Verkauf.
Tierzucht im Wandel der Zeit: Sie hat Vieles miterlebt
Text ― Christian Zufferey
Bilder ― Christian Zufferey; Swissgenetics (Bütschwil SG)

Wer nicht aus der Landwirtschaft kommt, kennt den Namen Swissgenetics oft nicht. Das Unternehmen spielt jedoch eine wichtige Rolle in der Schweizer Nutztierzucht: Es unterstützt Bauernhöfe dabei, Rinder und andere Nutztiere gezielt weiterzuentwickeln. Dafür wird genetisches Material von ausgewählten Zuchttieren gewonnen, geprüft, tiefgekühlt gelagert und später für die künstliche Besamung eingesetzt. Ziel ist es, Eigenschaften wie Gesundheit, Fruchtbarkeit, Robustheit oder Milchleistung zu verbessern.
Seit fast 35 Jahren arbeitet Marianne Bernhart am Standort Bütschwil SG und hat den Wandel dieser Branche aus nächster Nähe miterlebt. Angefangen hat sie im Labor, heute arbeitet sie im Büro in Administration, Beratung und Verkauf.
Von ihrer Wohnung in Ganterschwil aus hat sie direkten Blick auf ihren Arbeitsplatz, die frühere Zuchtstation in Bütschwil. Heute befinden sich dort noch rund 80 sogenannte Wartetiere – also junge Stiere, deren genetische Qualität zunächst überprüft wird – sowie ein grosses Lager mit tiefgekühlten Samenportionen. Die eigentliche Gewinnung des genetischen Materials findet inzwischen am Standort Mülligen AG statt.
In Bütschwil werden jene Stiere gehalten, von denen bereits erste Proben gewonnen wurden. Diese werden ausgewertet, bevor entschieden wird, ob weitere Portionen produziert werden. Zeigen die ersten Nachkommen gute Eigenschaften und entwickeln sich die Zuchtwerte positiv, kehren die Tiere für die weitere Produktion nach Mülligen zurück.

Marianne Bernhart hat im Labor zu arbeiten begonnen, heute werden in Bütschwil SG immer noch Samendosen gelagert.
Ein Arbeitsplatz fast vor der Haustür
Trotz aller technischen Abläufe müssen die Tiere in Bütschwil täglich betreut werden. Marianne Bernhart sagt mit einem Schmunzeln, sie könne am frühen Morgen von zu Hause aus beinahe sehen, wer sich gerade um die Tiere kümmert. Den kurzen Arbeitsweg empfindet sie als grosses Privileg: Mit dem Velo braucht sie nur etwa zehn Minuten.
Heute ist sie bei Swissgenetics ein vielseitiger Dreh- und Angelpunkt. Sie übernimmt administrative Aufgaben, unterstützt den Regionalleiter, organisiert Sitzungen, schreibt Protokolle und beantwortet Anrufe. Darüber hinaus betreut sie den Verkauf von Kameras, mit denen Tiere in Ställen überwacht werden können.
Ausserdem ist sie eine wichtige Ansprechpartnerin für Besamungstechniker, Tierärzte und Landwirte, die spezielle Hofcontainer besitzen. In diesen Containern werden tiefgekühlte Samenportionen aufbewahrt.

Der Swissgenetics Standort in Bütschwil SG wird heute vor allem für die Lagerung von Samen genutzt.
Warum Stickstoff so wichtig ist
Damit das genetische Material über lange Zeit haltbar bleibt, wird es in flüssigem Stickstoff bei extrem tiefen Temperaturen gelagert. In Bütschwil befindet sich die Logistikbasis für die Ostschweiz. Von dort aus werden Besamungstechniker, Vertragstierärzte und Kunden mit Hofcontainern regelmässig – in der Regel alle zwei Wochen – mit neuen Samenportionen und Stickstoff beliefert.
So ist sichergestellt, dass jederzeit das aktuelle Angebot verfügbar ist. Das Liefergebiet reicht von der ganzen Ostschweiz bis ins Tessin und teilweise sogar bis nach Basel.

Stickstoff wird benötigt, um die Samendosen aufbewahren und lagern zu können.
Vom Labor an den Schreibtisch
«Mit zwei kurzen Unterbrüchen arbeite ich seit 1988 für Swissgenetics», erzählt Bernhart. Aufgewachsen ist sie auf einem Bauernhof in Ganterschwil, den heute ihr Bruder bewirtschaftet. Dort leben unter anderem Jungrinder, Engadinerschafe und Ziegen. Wenn ihr Bruder abwesend ist, hilft sie gelegentlich im Stall mit.
Als sie ihre Arbeit begann, war der Standort Bütschwil noch ein eigentlicher Produktionsstandort. Die gelernte medizinische Praxisassistentin arbeitete damals im Labor. Dort prüfte sie die Qualität des gewonnenen Spermas, bereitete es mit speziellen Nähr- und Schutzlösungen auf und sorgte dafür, dass es gekühlt und eingefroren werden konnte. Damals wurden in Bütschwil nicht nur Stiere, sondern gelegentlich auch Ziegenböcke und Eber für die Zucht genutzt.
Ende der 1990er-Jahre wurde die Produktion jedoch nach Mülligen verlegt. Für Bernhart ergab sich dadurch die Möglichkeit, ins Büro zu wechseln – ein Schritt, der gut zu ihrer damaligen Lebenssituation als Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern passte.
«Man muss offen bleiben für Neues», sagt sie heute. Gerade in der Landwirtschaft habe sich in den letzten Jahrzehnten enorm viel verändert, besonders in der Tierzucht.

Zu den Stallungen der in Bütschwil gehaltenen Warte-Stiere kommt Marianne Bernhart eigentlich nur selten.
Zuchtfortschritt hört nie auf
Früher habe man teilweise geglaubt, irgendwann sei das optimale Zuchtniveau erreicht. Heute wisse man: Der Fortschritt geht ständig weiter. Neue Daten, moderne Auswertungsmethoden und bessere genetische Analysen ermöglichen laufend Verbesserungen.
Auch wenn Bernhart heute nur noch selten direkt in den Stallungen unterwegs ist, bekommt sie die Entwicklungen im Betrieb mit. Neue Tiere, die ankommen, oder Stiere, die die Station verlassen, erfährt sie manchmal erst im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen im Pausenraum.
Wenn einmal etwas nicht wie erwartet läuft
Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit beginnt dann, wenn Kundinnen und Kunden Fragen oder Probleme haben. Das kann etwa vorkommen, wenn auf einem Betrieb auffällig viele männliche Kälber geboren werden, obwohl sogenannt gesextes Sperma eingesetzt wurde.
Für Aussenstehende: Bei diesem Verfahren werden Samenportionen so aufbereitet, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit weibliche Kälber entstehen – meist liegt die Trefferquote bei rund 90 Prozent. Ganz ausschliessen lassen sich Abweichungen aber nicht.
Wenn es zu ungewöhnlichen Fällen kommt, geht Bernhart den Ursachen nach. Bei Bedarf werden sogar Abstammungskontrollen veranlasst, um betroffenen Tierhaltenden Klarheit zu verschaffen. Das ist wichtig, denn in einzelnen Fällen kann ein finanzieller Schaden entstehen.
Bei Fruchtbarkeitsproblemen gibt es heute zudem moderne Spezialprodukte wie sogenannte Spermvital-Dosen. Diese verlängern die Lebensfähigkeit der Spermien und machen den Zeitpunkt der Besamung flexibler.
Wie gross die Bedeutung dieser Arbeit ist, zeigen die Zahlen: Im Geschäftsjahr 2024/2025 verkaufte Swissgenetics in der Schweiz insgesamt 844’598 Samenportionen.

Marianne Bernhart bei den Schafen ihres Bruders – von hier kann sie ihren Arbeitsort sehen.