Anita Z’Rotz liefert ihr Biogemüse unter anderem ins Restaurant des Culinarium Alpinum in Stans. Dort muss Küchenchef David Zurfluh flexibel reagieren: Er kocht ausschliesslich saisonal und nach Angebot seiner Lieferantinnen und Lieferanten.
Mönchsbart fürs Kloster
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt; culinarium alpinum

Man hört: Hühner gackern. Man sieht: Geissen, die oben am Hang über die Wiese springen. Man erahnt: einen traumhaften Garten, hinter dem Spycher mit einer Verarbeitungsküche. Der Hof Murmatt in Ennetmoos liegt auf 650 Meter über Meer ‒ und sieht aus wie ein besonders gelungenes Porträt eines landwirtschaftlichen Betriebs in einem Bilderbuch.
Und es ist viel los hier oben, am Fuss des Stanserhorns, wo Anita Z’Rotz und Martin von Holzen mit ihren zwei Kindern und ihren Tieren (es sind übrigens Appenzeller Spitzhaubenhühner, die einen mit lustigem Gegacker empfangen) leben und arbeiten (die Geissen gehören den Nachbarn). Ihre Philosophie: Im Einklang mit der Natur arbeiten, nach den Richtlinien von Bio Suisse, im Rhythmus der Jahreszeiten. Ihr Gemüse wächst ohne künstliche Hilfsmittel auf lebendigem Boden, der durch die richtige Pflege, regenerative Massnahmen und Mist der eigenen Grauvieh-Mutterkuhherde gesund und fruchtbar bleibt. Elemente der Permakultur, der regenerativen Landwirtschaft und des Agroforsts fliessen in ihre Arbeit ein und fördern so logischerweise Biodiversität und Bodenleben. Das Ziel der Familie, nämlich ökologisches Gleichgewicht zu fördern und gesunde Lebensmittel zu erzeugen, ist auf jedem Flecken zu erahnen (selbst die Hühner scheinen glücklich zu gackern).


Sie gibt über 70 Kundinnen und Kunden einen Korb
Gartenfelder und zwei Gemüsetunnels lassen aber erahnen, wie viel Handarbeit hier vonnöten ist. Und wie viel Erfahrung, die sich die Familie, zumindest was den Gemüseanbau angeht, auch selber aneignen musste. In dieser Gegend ist die Milchwirtschaft zu Hause – eine Gemüsebäuerin ist eher die Ausnahme.
Diese vermarktet einen grossen Teil der Ernte direkt. Und das sind immerhin 60 verschiedene Arten! Einerseits wird das Saisongemüse ab Ende April in über 70 Gemüseabos an Kundinnen und Kunden geliefert, andererseits an Gastrobetriebe. Und was übrig bleibt, wird in der sogenannten Hofkulinarik im Spycher für den Winter verarbeitet: Sugo, Essiggurken, Kräutersalze. Das meiste davon für Anlässe auf dem Hof und für die Selbstversorgung.
Im kleinen Hofkiosk ‒ das Haus liegt direkt am Jakobs- und Bruderklausenweg ‒ gibts Most, Wurst und wenige Hofprodukte. Dieser führt im Moment, Mitte April, durch eine Natur, die zu blumigen Ausdrücken verleitet. Auf den Wiesen jedenfalls leuchtet der Löwenzahn wie in einem grünen Meer voller gelber Sterne.

Im kleinen Hofkiosk gibts Most, Wurst und Hofprodukte.
Ein Whatsapp an die Küche des Culinarium Alpinum
In den Beeten lugt der Spinat derzeit in akkurat angelegten Reihen aus der Erde hervor. Und was wächst daneben? Mönchsbart! Noch zaghaft, nur wenige Zentimeter sind zu sehen.
Die Gemüselieferantin sitzt derweil im Culinarium Alpinum, es ist halb zehn Uhr morgens, und sie ist total entspannt. Das wird sich im Laufe des Jahres ändern. Zwar gibt es einiges zu tun, aber so, dass Pausen drin liegen. Am Anfang sei alles noch etwas «salatlastig», sagt sie gerade. Und sehr grün: Spinat, Salat, Krautstiel, Peterli finden den Weg von ihrem Hof hinunter ins Dorf. Bald eben auch der Mönchsbart. «Die Küche», sagt Anita, «freut sich immer über Neues. Ich bin schon gespannt, was sie daraus kochen werden.»
Anita Z’Rotz, gelernte Schneiderin, ist vor 15 Jahren zu ihrem Mann auf den Hof gezogen. Aus dem «Selbstversorgergarten», wie sie sagt, wurde ein Gartenparadies, das mehrere Gastrobetriebe beliefern kann (inklusive des eigenen natürlich). Hauptabnehmer ist das Culinarium Alpinum Stans, ein Kompetenzzentrum in Sachen alpiner Kulinarik. Und das seit Sommer 2020, als dieses in einem ehemaligen Kapuzinerkloster eröffnet worden ist.
In ebendieser Küche landet, was bei Anita Z’Rotz gerade wächst: «Am Sonntag gehe ich jeweils durch unseren Garten und schaue, was ich ernten könnte.» Dann stellt sie die Körbe, also die Gemüseabos, zusammen. Und sie schreibt eine Liste, die sie am Montagmorgen dem Küchenchef im Culinarium Alpinum, David Zurfluh, schickt. Per Whatsapp.
Dieser nimmt, wies kommt und was kommt.
Umgekehrt, sagt Anita, wärs machbar, aber schwierig: auf Bestellung zu arbeiten. Dieses System hat auch den Vorteil, dass die Köche sehr kulant sind. Das Gemüse ernten, wenn es reif ist, heisst auch manchmal, zu viel zu haben. «Zucchetti ist so ein Klassiker. Ich sage dann: Wir schwimmen in Zucchetti! Und die Küche macht was draus.»
Ausserdem schätzt Anita die Offenheit ihrer Abnehmer. «Sie haben immer Lust, etwas auszuprobieren. Zum Beispiel die Knospen des Federkohls diesen Frühling oder Rhabarberblüten.» Oder, wie gerade jetzt, Grumolo verde. Dunkelgrüne Salatrosetten, sie schmecken bitter.


Jeden Tag Eingemachtes
Der Grumolo findet sich beim Mittagessen wieder ‒ im Salat. Er schmeckt köstlich, das war ja klar, aber trotzdem. Bodenständig und klug, wenn man das von einem Salat behaupten kann. Hier sei der Einschub erlaubt: Das Culinarium Alpinum hat sich zum Ziel gesetzt, das kulinarische Erbe der Alpen zu bewahren und vor allem: erlebbar zu machen. Mit alten Rezepten über fast vergessene Nutzpflanzen bis zu traditionellen Handwerkstechniken. Im Restaurant wird diese Philosophie gelebt: Hier wird ‒ mit wenigen Ausnahmen wie Kaffee und Schokolade ‒ mit regionalen Produkten gekocht, vorzugsweise bio. Küchenchef David Zurfluh ist seit Beginn mit dabei. Jetzt blickt er versonnen auf den Tisch und scheint die Frage unnötig zu finden: «Wie geht das? Wenn das Angebot die Karte bestimmt, muss man ja als Küchenteam extrem flexibel sein!»
Die Abendkarte, sagt er, werde jeden Tag neu gemacht, die Mittagskarte jede Woche. Folglich «schreiben wir den Menüplan erst, nachdem wir die Info zur Lieferung erhalten haben».
Aber das ist doch sehr anspruchsvoll! «Man muss einfach immer mitdenken», sagt Zurfluh trocken. Aber, und damit bestätigt er, was die Gemüsebäuerin angetönt hat, dafür «können wir immer wieder Neues ausprobieren. Das ist spannend.»
Oft stehe auch einfach «Gemüse» auf dem Menü, auf dem Teller landet dann das, was geliefert worden sei. Für die Fleischgänge bestellt er ganze Tiere. Vor kurzem seien das zehn Gitzis gewesen. Und auf der Restaurantkarte heisst es dann: Koteletts vom Bürer Demeter-Gitzi mit Folienkartoffel, Sauerrahm und Gemüse.


Und was hat er mit dem Mönchsbart vor?
Von diesem weiss er noch gar nichts!
Er googelt auf seinem Handy und sagt: «Sieht cool aus. Ich freue mich!» Sie habe immer wieder Überraschungen auf Lager, sagt er, Zum Beispiel Edamame letzten Sommer. Oder Barbarakraut (bevor jetzt Sie googeln ‒ es ist eine Art Kresse).

Der Mönchsbart hier noch zart und klein, landet schon bald auf dem Teller im Restaurant Culinarium Alpinum.
Anita Z’Rotz ist eine von drei Gemüselieferantinnen und -lieferanten, sie liefert nicht jeden Tag. Morgen wird es aber Krautstiel sein, das hat sie verraten. «Wir werden sie wohl nächste Woche zum Fisch aus dem Vierwaldstättersee reichen», sagt der Koch.
Im Winter, wenn im Garten auf der Murmatt nichts oder wenig wächst, gehts übrigens ans Eingemachte. Darum kümmert sich jeweils der Küchenchef höchstpersönlich ‒ im Sommer. Und zwar täglich. «Das habe ich mir so vorgenommen, ja, jeden Tag.» Gonfi, einen Essig, Kräutersalz. Und der Vorratskeller muss sich jetzt, im Frühling, langsam leeren. Es steht zum Beispiel noch ein Rhabarbersaft von Anita Z’Rotz da, gleichzeitig sind eben frische eingetroffen.

Anita Z'Rotz in ihrem Keller mit den verarbeiteten Erträgen vom Hof.
Ein Problem ist das natürlich nicht. Der Saft wird auf dem Frühstücksbuffet landen (das Culinarium Alpinum ist auch ein Hotel), oder auf der Getränkekarte. Und irgendwann wird es keinen mehr geben. Es ist der Lauf der Dinge.
Mehr Infos zu Anita Z’Rotz und David Zurfluh sind im Culinarium-Alpinum-Podcast «So schmecken die Alpen» zu hören.
Frühlingssalat mit gebratenem Rhabarber, Stanser Geissfrischkäse und geröstete Nüssen
Das Rezept für 2–3 Personen stammt von Küchenchef David Zurfluh vom Culinarium Alpinum.
Geröstete Nüsse
1 kg Nüsse und Kerne
(z. B. Baumnüsse, Haselnüsse, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne)
1 Stk Eiweiss
3 EL Gewürzmischung
12 g Salz
Eiweiss in einer Schüssel schaumig schlagen, Gewürze und Salz hinzufügen und anschliessend in einer grossen Schüssel unter die Nüsse und Kerne mischen.
Nüsse und Kerne auf dem Backblech mit Packpapier verteilen und im Ofen bei 200°C 20-30 Minuten rösten, dabei alle 5 Minuten mit einer Kelle rühren. Anschliessend aus dem Ofen nehmen und auskühlen lassen.
Tipp vom Chef
Die kalten Nüsse in einem luftdichten Gefäss lagern, so halten sie sich sicher 2 Wochen.
Bei der Gewürzmischung kann man nach eigenem Geschmack variieren: Currypulver, Garam Masala, Rasel el hanout eignen sich sehr gut.
Frühlingssalat
2 Handvoll frischer Spinat
1 Handvoll Rucola
2 Stk Frühlingszwiebeln
1 kleine Mischung frische Kräuter (z. B. Petersilie, Schnittlauch, Dill, Fenchel, Liebstöckel)
2–3 Stangen Rhabarber
1–2 TL Honig oder Birnel
1 Handvoll gewürzte Nüsse und Kerne (z. B. Baumnüsse, Haselnüsse, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne)
2 EL Rapsöl
1 EL Apfelessig
1 TL Senf
1 TL Beerenkonfitüre
150 g Stanser Geissfrischkäse
Salz & Pfeffer
Rhabarber waschen und in schräge Stücke schneiden. In einer Pfanne mit etwas Rapsöl kurz anbraten, Honig oder Birnel dazugeben und leicht karamellisieren lassen, abschliessend mit einer Prise Salz abschmecken und abkühlen lassen.
Senf, Rapsöl, Apfelessig, Beerikonfitüre, Salz und Pfeffer in einer Schüssel gut verrühren. Spinat, Rucola und Kräuter waschen und trockenschleudern, Frühlingszwiebeln in feine Ringe schneiden und zum Dressing in die Schüssel geben.
Zum Anrichten den Salat und gebratenen Rhabarber gut mit Dressing mischen. Ziegenfrischkäse in kleinen Stücken darüber bröckeln und abschliessend mit den gerösteten Nüssen toppen.
