2026–09–23T11:31:41GMT+0200
Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne

Es gibt kein Entkommen, um es mal drastisch auszudrücken, jetzt ist die Zeit gekommen, den Kräutern adieu! zu rufen. Zumindest jenen auf der Terrasse und im Garten. Eigentlich wollte ich ja dieses Jahr, wenn alles verblüht ist, endlich einmal Wurzeln ausgraben. Seit Monaten beobachte ich zum Beispiel, wie der Baldrian am Wiesenrand erst in die Höhe schoss, blühte, verblühte, und jetzt wie eine vergessene Stehlampe ohne Schirm in einer dunklen Ecke in der Brocki steht. Und wartet. Bis ich ihn ausgrabe.

Ein etwas tristes Bild, gewiss, dem aber eine gewisse Ästhetik nicht abzusprechen ist.

Nur habe ich gerade keine Lust zu graben.

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne

Deshalb, und weil ich sie sozusagen vergöttere, wende ich mich noch der last one standing zu: der Kapuzinerkresse. Diese blüht auch jetzt noch (allerdings nicht mehr lange). Mein Topfpflänzchen jedenfalls sieht aus, als ob es noch Juli wäre, als ob der Frost nicht schon in der Luft läge, also ob es das Leben noch einmal zu feiern gäbe, sozusagen vor allen Totentagen um Allerheiligen herum.

Tropaeolum majus, so der botanische Name der am weitesten verbreiteten Art von Kapuzinerkressen, tritt ja gern als eine Art Lara Croft auf. Die furchtlose Kämpferin aus dem Uralt-Game «Tomb Raider», hauptberuflich unterwegs, um tödliche Gefahren zu meistern und ‒ ich sags jetzt mal vorsichtig – gut auszusehen.

Genau wie die Kapuzinerkresse.

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne

Oder wie sehen Sie das: Alle anderen machen schlapp bei 35 Grad? Interessiert unsere Superwoman nur bedingt. Zwar liess sie während dieses Hitzesommers immer mal ihre tellerförmigen Blätter hängen, richtete diese dann aber stets schnell wieder auf. Als der Regen kam, kümmerte das unsere Trophäe (das ist die Übersetzung von Tropaeolum) wenig: Tropfen perlten von ihren Blättern ab wie bei einer guten Outdoorregenjacke. Die Kapuzinerkresse wuchs also weiter, über Hochbeetwände, am Gartenzaun empor, hinüber zum verblühenden Lavendel und den Minzen, die sich genauso überall breit machen wie unsere Heldin.

Nebenbei buhlt sie mit gelben, orangen oder hellroten Blüten um Aufmerksamkeit. Als ob sie rufen wollte: Schaut mich an. Bin ich nicht die Schönste?

Als ob man im Blütenreich irgendetwas schubladisieren könnte. Aber es stimmt schon: Ihre Blüten machen unheimlich gute Laune.

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne
Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne

Und sie hat Künstlerinnen und Künstler inspiriert: Im Impressionismus (ab ca. 1874) und Jugendstil um 1900 herum, schreibt die Botanikerin Rosmarie Honegger in ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Coffee-Table-Book «Herbarium floraler Dekore» (Haupt-Verlag), in dem sie Gebrauchtgegenstände wie eben Vasen (siehe Bild oben rechts) mit der entsprechenden Pflanze abbildet. Claude Monet (1840–1926), so schreibt sie, habe Kapuzinerkresse geliebt. Er habe sie ‒ in seinem berühmten Garten in Giverny in der Normandie ‒ beidseitig am Weg pflanzen lassen.

Dort wachsen sie übrigens heute noch, wie mir kürzlich jemand erzählte.

«Meine Kapuzinerkresse mags dramatisch.»

Meine Beziehung zur Kapuzinerkresse ist eine innige, wenn auch im Frühsommer jeweils eine schwierige. Jedes Jahr verteile ich mehrere Jungpflanzen, vor dem Haus, hinter dem Haus, neben dem Haus, im Gartenbeet, in Töpfen, die herumstehen. Aber meine Kapuzinerkresse mags dramatisch. In den Beeten jedenfalls lässt sie sich meist gleich einmal fressen. Oder von Läusen bevölkern. Was grundsätzlich ja in Ordnung ist, nur kann ich an keiner Pflanze vorbeigehen, ohne ein Blatt abzuknicken und zu essen, und die Tierchen sitzen an der Blattunterfläche … Ich mein ja nur.

Scharfes Pflänzchen

Je weiter das Jahr fortschreitet, desto lieber bekomme ich sie jeweils. Vor allem auf dem Teller: Man kann alles essen von der Kapuzinerkresse, Stiel, Blätter und Blüten. Vor allem Letztere weisen diese (mich) süchtig machende Schärfe auf – krasser als die gängige Kresse und besser als jede Chilisauce! Klar, zu viel davon reizt allenfalls den Magen, aber Bauchweh habe ich noch nie bekommen, nur manchmal wird mir ein bisschen heiss. In der Naturheilkunde ist die Kapuzinerkresse ein starkes Mittel bei allen Infektionen von Atem- oder Harnwegen. Sprich: Ich betrachte sie immer auch als gute Vorsorge für die Grippesaison, die wahrscheinlich, während ich diese Zeilen schreibe, bereits hinter dem nächsten Apfelbaum oder Schlehenstrauch lauert.

Aber zurück zur Kulinarik. Es ist gar nicht so weit hergeholt, dass sich, bevor ich nach ihren Blättern greife, in meinem Kopf stets der gleiche private Witz abspielt: Noch einen Cappu, sage ich jeweils in Gedanken, und noch einen! Das Wort Cappuccino teilt mit der Kapuzinerkresse tatsächlich den gleichen Wortstamm – Kapuziner eben. Im Deutschen heisst die Pflanze unter anderem deshalb so, weil die teils riesigen Blätter an Mäntel der Mönche, der Blütensporn an eine Mönchskutte erinnern.

Na ja.

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne

Nun aber wirklich zur Kapuzinerkresse in der Küche: Ich setze jeweils mehrere Fläschchen Essig an (ein Glas voller Blüten, Blätter und Stiele mit Essig übergiessen, gut verschliessen). Oder gebe die Blüten auf einen Reissalat ‒ auch wegen des schönen Kontrasts zum Weiss des Reises.

Für die letzten Blätter der Saison ‒ Frost verträgt selbst eine Heldin wie die Kapuzinerkresse nicht ‒ habe ich beim Blättern im «Pfefferminzpesto und Fliedercouscous» (in dem es sich übrigens sehr gut blättern lässt, zu jeder Jahreszeit) ein schönes Rezept gefunden, das dem herbstlichen Tisch mit all seinen Erdtönen eine gewisse Frische verleiht:

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne
Kapuzinerkresse-Tütchen

Für ca. 12 Stück nimmt man ca. 15 Kapuzinerkresseblätter. Diese kurz waschen, gut abtropfen lassen.

 

Für die Füllung:

200 g Frischkäse

2–3 Kapuzinerkresseblätter, fein gehackt

je 1 Karotte und Pflälzer Rübe, klein gewürfelt

Salz, Pfeffer aus der Mühle

einige Tropfen Zitronensaft

Alle Zutaten gut verrühren und abschmecken. Etwa 1 Esslöffel Füllung auf je ein Blatt geben, einwickeln und mit den Stielen umwickeln, sodass kleine Tütchen entstehen.

 

Zum Schluss dann doch noch ein Wort zum Baldrian. Auch er zeigt sich bewundernswert standhaft. Und deshalb (und aus anderen Gründen, zum Beispiel, weil ich gerade keine Spitzhacke zur Hand habe) lasse ich ihn stehen ‒ auf seiner wertvollen Wurzel. Baldriantee gibts in der Apotheke; ausserdem habe ich gelesen, dass die abgestorbenen Pflanzen verschiedenen Insekten als Winterquartier dienen. Eine schöne Vorstellung, wie die Tierchen im hohlen Stängel Weihnachten feiern.

Kappuzinerkresse Nina Kobelt Kräuterkolumne
Buchtipp / Quellen

«Pfefferminzpesto und Fliedercouscous. Köstliches aus Wiese, Wald und Garten. 90 raffinierte Rezepte und 30 Pflanzenporträts», Judith Gmür-Stalder, Kathrin Fritz, Maurice K. Grünig, AT Verlag.

Giverny.org


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