Sie hat ihn viele Jahre mit Füssen getreten, bis sie seine Grösse erkannt hat: Unsere Autorin verehrt den Spitzwegerich so sehr, dass sie fast täglich mit ihm spricht.
Der Punk auf der Wiese
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt; Canva; Ulmer Verlag

Schaut man genau hin, sieht der Spitzwegerich recht spektakulär aus. Generell ein bisschen zerzaust, ist er eine krautige Pflanze mit langen, spitzen Blättern (denen man eine gewisse Eleganz nicht absprechen kann, das muss ich zugeben). Blütenähren, die aussehen wie Haarbürsten, denen die Borsten ausgehen. Oder ein Blütenköpfchen, das wieder mal einen Haarschnitt vertragen würde.
Total Punk, wenn ihr mich fragt.
Auch seine Attitüde. Wenn man auf ihn tritt, und das tut man oft, ob man will oder nicht, richtet er sich gleich wieder auf. Immer wieder. Im Sinne von: Aufstehen, Krone richten, weitergehen.
Nur dass der Spitzwegerich selber nicht geht. Sondern anderen beim Gehen zuschaut. Er wächst vornehmlich an Wegrändern, wie der deutsche Name vermuten lässt. Wobei das rīh im zweiten Wortteil, wie Wikipedia weiss, für «König» steht, das mit der Krone ist also nicht weit hergeholt, immerhin ist er «Herrscher des Weges», so die Übersetzung ins Neudeutsche. Seine botanische Bezeichnung ist Plantago lanceolata, Plantago für «Fusssohle» und lanceolata für «lanzettförmig», was auf die Blätter bezogen ist.
In gewissen Gegenden in Frankreich, so habe ich gelesen, soll der Spitzwegerich immer noch «oreille de lièvre» heissen. Hasenohr. Wie schön.

Eingraben, ausgraben
Ich gestehe: Bis vor wenigen Jahren habe ich ihn mit Füssen getreten. Nicht, weil ich Böses im Sinne gehabt hätte. Aber ich habe ihn schlichtweg ignoriert. Dabei wachsen Wegericharten (es gibt, neben dem spitzen, diverse andere, zum Beispiel den Breitwegerich und den Mittleren Wegerich) so ziemlich an jedem Feldweg und an Böschungen. Oder am Hang vor dem Haus, in dem ich zeitweise wohne. Aber so ist es eben manchmal: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr. Oder vor lauter Gräsern den Spitzwegerich nicht mehr.

Dieser Breitwegerich, den die Autorin in einer Badi fand, wurde einen Sommer lang getreten und sah trotzdem noch ansehlich aus.
Bis ich während der Ausbildung «Kräuter-Seminar» gleich zweimal über den Spitzwegerich gestolpert bin (ha, ihn mit Füssen getreten habe!). Einmal, als wir ein Spitzwegerich-Pesto zubereiteten. Ich erinnere mich, dass wir statt Pinienkernen (wie sie in ein Pesto Genovese gehören) Baumnüsse mit Spitzwegerichblättern, Knoblauch, Olivenöl, Parmesan und Salz gemixt haben. Dass das köstlich schmeckte, überraschte mich nicht im Geringsten.
Wenn ich schon beim Essen bin: Die Knospen des Spitzwegerichs kann man sehr gut einlegen, ganz einfach in Olivenöl oder in Salz. Nicht, dass ich das je gemacht hätte, ich snacke sie leider immer schon direkt ab Feld. Oder brate sie kurz in wenig Olivenöl an, ach, das ist grossartig. Auch, weil man genau diese Spitzwegerichknospen-Konsistenz sonst nirgends findet.

Spitzwegerichknospen lassen sich direkt von der Wiese snacken und in Öl anbraten.

Und jetzt endlich zu zweitens: Im Seminar sprachen wir über Erdkammersirup. Dieser klingt crazy und auch ein bisschen nach Hokuspokus, aber so was liebe ich ja: Man schichtet jeweils eine Lage Spitzwegerichblätter und Honig in ein Glas, verschliesst es gut und vergräbt es – einen halben Meter tief, schreibt Ursel Bühring in «Alles über Heilpflanzen». In der gleichbleibenden Wärme fermentiere der Honig. Nach drei Monaten sei das Glas wieder auszugraben, der Inhalt auszufiltern, und fertig sei der Hustensirup.
Ob ich das ausprobiert habe? Natürlich! Im April vergrub ich mein Glas in ein Beet, steckte ein Fähnchen in die Erde und vergass sogleich alles wieder. Bis ich mich im Juli glaubte zu erinnern, dass da noch was war (das Fähnchen: selbstverständlich verschwunden). Ich hackte, ich schaufelte, ich holte schliesslich die Spitzhacke und ganz am Ende eine Grabgabel. Schliesslich fand ich das Glas, es war unversehrt und überhaupt nicht da, wo ich es vermutet hatte. Jedenfalls: Meinen ungefähr halben Deziliter Hustensirup hütete ich wie einen Schatz. Zum Einsatz kam er dann, als ich wirklich nicht mehr weiterwusste mit meinem Husten.
Er half.
Glaube ich.

Der Hustensirup kann mit Honig im Fermentationsprozess selbst gemacht werden.
Wandervogel
Alle Plantago-Arten besitzen ausgesprochen klebrige Samen, die an Schuhen haften, wenn sie die Gelegenheit haben. Ein Selbstläufer, im wahrsten Sinne des Wortes: Der Wegerich wird so ohne grosse Mühe zum Globetrotter. White-man’s foot sollen die Ureinwohner Amerikas die Pflanze genannt haben, als er dort plötzlich in neu besiedelten Gebieten auftauchte – Fussstapfen des weissen Mannes. Konkret: Wo der Wegerich wuchs, da war der Europäer nicht weit.
Dass Spitzwegerich wie ein natürliches Pflaster wirkt, weiss ich seit längerem. Was auch immer gerade passiert, Kratzer, Mückenstiche, Schwellungen – ich packe jeweils ein paar Blätter auf die entsprechende Körperstelle. Obs nützt? Ja-ha. Ich glaube. Und das hilft ja immer viel.
Was ich noch nie ausprobiert habe, aber ständig irgendwo sehe (mein Algorithmus spült mir seit der Hustensaft-Aktion ziemlich fleissig Kräuter im Allgemeinen und Spitzwegerich im Speziellen in meine Social-Media-Welt): Dass der Wegerichsaft gegen Blasen hilft. Das ist jetzt, wo die Wandersaison nach dem Hitzesommer endlich startet, ein wertvoller Tipp, finde ich. Weil er ja neben Schotterpisten, Parkplätzen eben auch an Wanderwegen wächst (die klebrigen Samen!). Also: Wenn der Schuh drückt, pflückt man am besten ein paar Spitzwegerichblätter, zerreibt sie und gibt den Saft direkt auf die Blasen.
«Nützts nüt, schads nüt», würd ich mal sagen.

Apropos Wandersaison: Die Blätter des Spitzwegerichs schmecken nun ein bisschen herber als im Frühling. Macht nichts, vor allem nicht, wenn man sie bäckt (statt direkt von der Wiese wegsnackt, hüstel, hüstel).
Das Rezept dafür habe ich in einem Buch gefunden, das mir sehr am Herzen liegt: «Wildkräuter im Herbst und Winter». Ich blättere darin in den Monaten, wenn selbst der Spitzwegerich nicht mehr aufsteht, sondern Winterruhe hält.

Gebackene Wegerichblätter – wildes Fingerfood
aus: «Wildkräuter im Herbst und Winter»
Spitzwegerichblätter
Für den Teig:
2 Eier
100 ml Milch
100 ml Bier (oder Wasser oder Milch)
100 g Dinkelvollkornmehl
Salz
Pfeffer, frisch gemahlen
Piment d’Espelette
Alle Zutaten miteinander verschlagen und sehr gut würzen, im Kühlschrank bis zu 4 Stunden ziehen lassen, damit das Mehl quellen kann.
Viel Rapsöl erhitzen. Blätter jeweils einzeln durch den Teig ziehen, in das heisse Fett geben, von beiden Seiten goldbraun backen und von Küchenkrepp überschüssiges Fett aufsaugen lassen. Sofort servieren.

Quellen:
Janine Hissel, Liesa Rechenburg: «Wildkräuter im Herbst und Winter», Verlag Ulmer
Kräuterseminar Inforama: https://www.inforama.ch/weiterbildung/kraeuter-seminar