Die Wegwarte lädt zu allerlei Wortspielen ein. Unsere Autorin ist erst mal aber damit beschäftigt, früh genug aufzustehen, um überhaupt eine zu finden.
Die Schöne am Wegrand
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt

Es ist jetzt nicht so, dass mich die Wegwarte auf meinem Lebensweg (den kann ich mir nicht verkneifen) begleitet hätte. Im Gegenteil. Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass ich schon sehr lange keine mehr gesehen habe. Wahrscheinlich bin ich jeweils zu spät unterwegs. Aber es ist halt so, dass ich auf Morgenspaziergängen vor sieben Uhr versuche, wach zu werden und mich weniger auf Blumen achte.
Als divenhaft auslegen könnte man auch, dass eine Blüte der Wegwarte nur einen Tag lang blüht. Der Eindruck (einer Diva) täuscht. Denn die Pflanze ist ungeheuer ausdauernd: Im Sommer produziert sie eine Blüte nach der anderen, es sei «ein ständiges Erblühen und Verblühen», so steht es in der Sammlung von Pflanzenporträts in «Heilpflanzen am Wegesrand entdecken».


Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) nahm die Wegwarte in seine Blumenuhr auf. Im botanischen Garten der Universität in Uppsala hatte er ein kuchenstückartig unterteiltes Beet angelegt, das er so bepflanzte, dass zu jeder Stunde eine andere Pflanzenart ihre Blüten öffnete. Die Idee einer Blumenuhr treibt mich schon lange um, es gibt auch tolle Vorlagen (zum Beispiel bei saemereien.ch), aber ich verhalte mich bei dieser Angelegenheit, um im Jargon zu bleiben, ein bisschen wie die Prinzessin aus der Legende: Ich warte. Nicht auf einen Prinzen, der mir ein solches Beet anlegt (wobei das ja auch eine Möglichkeit wäre, hihi), sondern auf den Tag, an dem ich für solche Experimente Zeit haben werde.
Cichorium intybus hat besagter Carl von Linné die Pflanze genannt. Das griechische Wort kio, lese ich in erwähntem Dropa-Nachschlagewerk, kann mit «ich gehe» und chorion mit «das Feld» übersetzt werden. Und tybi stamme vielleicht, ganz sicher ist sich das Buch nicht, vom ägyptischen Wort für «Januar». Man habe, steht da, die Wegwarte früher als Wintersalat gegessen.
Nun ja.
Spannender finde ich die Namen, die man im Deutschen für sie findet (googeln Sie, es sind erstaunlich viele!). Unter anderem Sonnenkraut oder Wegleuchte, wie schön! Da, wo ich herkomme, nennt man sie «Wegluegere».

Und ich? Ich habe immer noch keine gefunden, vielleicht betreibe ich zu oft «wegluege» (man verzeihe mir die Wortspiele). Dafür stolpere ich über eine Art Mini-Lexikon von Wildpflanzen, die man getrost auch anbauen kann: «Hauensteins Wildpflanzenbuch» versammelt 405 Wildstauden und 131 Wildgehölze aus dem aktuellen Sortiment der Baumschule und des Gartencenters Hauenstein. Pflanzen mit «ökologischer Bedeutung und Eignung für vielfältige Garten- und Landschaftssituationen». Darunter natürlich die Gemeine Wegwarte. Cool. Vielleicht kaufe ich mir eine. Warum nicht.
Ironischerweise begegnet mir die Wegwarte, seit ich einen Strauch gekauft habe, fast täglich irgendwo!


Die Wegwarte heisst übrigens auch Kaffeekraut.
Denn ja: Man könnte die Wegwarte, das hat mir einmal ein Koch verraten, in der Küche einsetzen. Nicht nur die Stängel, Blüten und Blätter, sondern auch die Wurzeln. Das sagte der Koch nicht, das wusste ich, weil ich immer wieder mal einen Zichorienkaffee kaufe (wegen der schönen Packungen). Die landen zum Beispiel im Kaffeeersatz. In Deutschland nennt man ihn Muckefuck, warum, ist nicht geklärt, vielleicht stammt der Begriff von «Mocca faux» («falscher Mokka»). Hierzulande gehört eine der schönsten Lebensmittelverpackungen dem Zichorienkaffee: Der blau-weiss gestreifte Ersatzkaffee namens Franck-Aroma.
Ich finde, er schmeckt ein wenig nach Früchten, auch wenn ich ihn nie allein trinken würde: Man kann ihn gut mit echtem Kaffee strecken. So wie früher, als das eine Notwendigkeit war.

Rezept: Zichorienkaffee selbst machen
(Rezept aus «Heilpflanzen am Wegesrand entdecken»)
nicht zu dicke Wegwartenwurzeln
Zucker (nach Belieben)
Wurzeln gut waschen und mit der rauen Seite eines Schwamms kleine Härchen entfernen. In ca. 3 mm feine Stücke schneiden, auslegen und an der Sonne oder bei niedriger Temperatur im Backofen ca. 30 Minuten trocknen lassen. Die trockenen Wirbelstücke in der Bratpfanne ohne Zugabe von Öl rösten (die starke Rauchentwicklung gehört zur Herstellung). Für einen besonderen Geschmack nach Belieben etwas Zucker mitrösten. Abkühlen lassen und mahlen.
Bücher
- «Heilpflanzen am Wegesrand entdecken», Dropa-Apotheken, dropa.ch
- Hauenstein-Fachbücher, bestellbar auf hauenstein-rafz.ch
