Die unscheinbare Wiesenpflanze, deren Namen einen anderen Ursprung hat, als man auf den ersten Blick vermuten würde, hat im Lauf der Zeit schon mannigfache Nutzung erfahren.
Ein Pflänzchen mit Wirkung
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt

Ins Mädesüss verliebt habe ich mich im hohen Norden, ausgerechnet! Am Stadtrand von Helsinki, um genauer zu sein, und es war wirklich sehr romantisch: Die Blüten wiegten sich im Wind hin und her, wie in einem Musikvideo, nur lief der Sound dazu in meinem Kopf ab; schon fast pathetisch, sagen wir: etwas zwischen Lana Del Rey und Muse.
Magisch war es auch deshalb, weil dieses Happening mit dem berühmten finnischen Kräutersammler und Koch Sami Tallberg um den Johannistag herum stattfand (wir bereiteten nachher einen Salat zu, mit den Blüten des Mädesüss natürlich). Und ich gegen Mitternacht an diesem gleichen Tag immer noch in diesem Park sass, zusammen mit Finninnen und Finnen, die Picknicks veranstalteten, weil es zu dieser Jahreszeit ja nie richtig dunkel wird. Auch meine ich mich zu erinnern, dass mir jemand einen Drink in die Hand drückte, in dem Mädesüss enthalten war, vielleicht war es auch ein Bier.

Und endlich komme ich zum Thema. Konkreter: auf den Namen dieser fröhlichen Pflanze. Laut einschlägiger Literatur hat dieser gar nichts mit einer Maid zu tun, wie ich immer dachte. Sondern mit Met, also Honigwein, der damit über Jahrhunderte aromatisiert wurde. Den Kelten soll das Kraut heilig gewesen sein, genau wie die Mispel, die Wasserminze und das Eisenkraut (wer weiss, vielleicht ist das ja das Rezept für Miraculix’ berühmten Zaubertrank).
Ursel Bühring schreibt in ihrem Standardwerk «Alles über Heilpflanzen» (Ulmer-Verlag): «Wahrscheinlich profitierten unsere Vorfahren nach ihren Met-Saufgelagen von der schmerzlindernden Wirkung des Mädesüss und hatten weniger Kopfschmerzen.» Haha! Auf Englisch heisst es unter anderem meadow sweet, und schon wieder sind wir beim Bier ‒ respektive beim mead für Met. Ebenfalls bei Ursel Bühring habe ich gelesen, dass man während der Tudorzeit die Blüten auf den Fussboden streute, auf dass sich ihr Duft entfalte, wenn man darüber schritt. Muss ich unbedingt ausprobieren!
Im Französischen übrigens ist das Mädesüss eine Königin. Eine Wiesenkönigin: Reine des prés. Wie hübsch!
Der botanische Name von Mädesüss ist wenig spektakulär: Filipendula ulmaria, was so viel heisst wie hängende Fäden. Und letzthin erklärte mir jemand aus dem Kanton Aargau, sie nenne das Beieli-Chrut – Bienenkraut.

Mädesüss auf der Wiese ‒ und das Leben wird ganz leicht.
Tee oder doch lieber Tzatziki
Nicht Bienen, sondern Läuse versammelten sich diesen Frühling an den ersten zarten Mädesüssblättern, die bei mir zu Hause an einem eher schattigen Hang wachsen. Ich war entsetzt, überlegte mir sogar, ob ich rund um die Pflanzen ein paar Knoblauchzehen vergraben soll (nicht, dass mir dieser Trick je geholfen hätte gegen Blattläuse), verwarf die Idee aber schnell wieder. Und liess meine Pflanzen (beinahe hätte ich geschrieben: die Königinnen), die natürlich nicht mir gehören, sondern der Wiese, der Natur. Siehe da: Im Juni, gegen Mittsommer hin, war alles wieder gut. Die Mädesüss läusefrei und ich bewundernd daneben.
Überhaupt ist das eine Pflanze, die ich einfach gerne anschaue. Es gibt wenig Entspannenderes, als mit den Blütenköpfen hin- und herzuschaukeln (ja, lachen Sie nur! Das macht man beim Yoga auch) und zu sehen, wie ab und zu ein Zittern über die Blumen geht oder wie sie einfach in der ganzen Pracht des Sommers schimmern.

Ein inspirierendes Rezept aus dem Buch von Meret Bissegger findet sich unten auf der Seite.
Einmal hatte ich die Möglichkeit, ein Dessert von Simon Rogan zu probieren. Der Spitzenkoch betreibt im britischen Lake District ein Restaurant, das mit drei Michelin-Sternen und dem seltenen grünen Stern für Nachhaltigkeit ausgezeichnet und ausserdem berühmt für seine Farm und regenerative Landwirtschaft ist. Jedenfalls hiess der Gang «Concord Birne, Hagebutte, karamellisierte Kokosnuss, echte Mädensüsse». Ich weiss nur noch, wie alles lieblich duftete und schmeckte.
Selten verarbeite ich sie selber in einem Getränk, und schon gar nicht im Essen. Aber vielleicht frage ich heuer einen befreundeten Hobby-Bierbrauer, ob er mir ein Mädesüss-Bier herstellt. Warum nicht! Man könnte auch fermentierten Tee daraus machen, wie ich in dem eben erschienenen Buch «Wild und fermentiert» gelesen habe. Ich bin zwar noch ein bisschen skeptisch (fermentierter Tee? Ach, ich weiss nicht), aber es wäre wohl einen Versuch wert:

Rezept: Sommertee aus Schweden
Das Rezept für einen «Sommertee aus Schweden» tönt jedenfalls super.
Die Autorin Sylwia Gervais schreibt, man verwende dafür:
2 grosse Handvoll junger Mädesüssblätter und ein paar Blüten
1 grosse Handvoll junger Brombeerblätter
1 grosse Handvoll Rotkleeblüten
1 Handvoll Minze
Diese breitet man auf einem Tuch aus und lässt sie ein paar Stunden anwelken.
Danach das ganze Kraut zwischen den Händen rollen, kneten oder leicht quetschen, eventuell wird ein bisschen Saft aus den Pflanzenteilen austreten.
Die Pflanzenteile dann dicht an dicht in ein Glas stopfen oder in eine Schüssel geben. Mit einem Deckel oder einem feuchten Tuch abdecken.
12 bis 48 Stunden bei Zimmertemperatur gären bzw. oxidieren lassen ‒ je länger, desto kräftiger und dunkler das Aroma. Wenn die Blätter einen tiefen, angenehmen, blumigen, leicht minzigen, aromatischen Geruch haben, sind wir mit der Oxidierung fertig.
Alles in einem Dörrer oder im Backofen trocknen, luftdicht verschlossen aufbewahren.

Rezept: Tzatziki mit Mädesüss
Niederschwelliger und vor allem sofort zu geniessen ist aber etwas, das ich bei der Tessinerin Meret Bissegger gesehen habe: Tzatziki mit Mädesüss statt mit Minze, schreibt die Kräuterexpertin und Köchin Meret Bissegger, sei eine interessante Geschmacksvariante. Das Kraut wachse im Sommer entlang von Wasserläufen und rieche nach Honig und Bittermandel.
Nun habe ich noch nie Minze in ein Tzatziki gegeben, werde aber bestimmt ihr Rezept ausprobieren (ich glaube, man muss richtig vorsichtig sein mit dem Knoblauch, der schnell dominant werden kann, zumindest gegenüber den Mädesüssblüten!):
500 g Joghurt
2 Gurken, grob geraspelt
1 grosse Prise Salz
½ Knoblauchzehe, gepresst
1 TL geriebene Mädesüssblüten
3 TL Olivenöl
Joghurt in ein Tuch oder Kaffeefilter geben und mehrere Stunden im Kühlschrank abtropfen lassen (damit das Tzatziki nicht zur Suppe wird, so Meret Bissegger). Gurken salzen, in ein Sieb geben und zugedeckt im Kühlschrank über einem Behälter mehrere Stunden abtropfen lassen, dann auspressen.
Alle Zutaten mit dem eingedickten Joghurt mischen.

Quellen / Buchtipps
- Sylwia Gervais: «Wild und fermentiert», 2026, Kosmos-Verlag
- Meret Bissegger: «Meine Küche im Frühling und Sommer. Gemüse, Kräuter, Blüten und Wildpflanzen», 2021, AT-Verlag
- Ursel Bühring: «Alles über Heilpflanzen», 2020, Ulmer-Verlag