Seit September ist sie wieder als Frölein Da Capo mit ihrem neuen Programm «Halbzeit Show» unterwegs. Seit bald 20 Jahren steht sie mit Instrumenten und unterhaltsamen Geschichten auf der Bühne. Die Bauerntochter sah sich selbst nie als Bäuerin. Um mehr Zeit als Paar zu haben, beschlossen sie und ihr Mann, den landwirtschaftlichen Betrieb zu verpachten.
Blick auf die Halbzeit
Text ― Christine Bieri
Bilder ― Christine Bieri; zvg

Irene Brügger, wie das Frölein mit bürgerlichem Namen heisst, sagt: «Als meine Tochter 18 wurde, wurde mir bewusst, dass es nochmals genauso lange geht, bis ich pensioniert bin.» Die sportliche Frau trinkt dabei Kaffee und sitzt an ihrem «Wohntisch», der Begriff Küchentisch werde dem Möbel aus dunklem Nussbaum nicht gerecht. «Hier ist das Zentrum unseres Haushaltes. Hier kommen alle zusammen, und auch einen Grossteil meiner Arbeit mache ich genau hier. Hier sitze ich, wenn ich mir die Texte für einen Auftritt überlege.» Auch der Tisch hat eine Geschichte. Wurde er doch aus einem Baum gefertigt, auf dem Brüggers Mann René als Kind gespielt hatte.
Auch rund ums Haus der Familie stehen viele Bäume. Im angebauten Stallteil stehen Kühe. Irene Brügger und ihr Mann haben den Betrieb von Irenes Eltern übernommen. Während zehn Jahren bewirtschafteten sie den Hof auf 730 Meter über Meer im Luzerner Hinterland mit 300 Mastschweinen, 8 Mutterkühen und 12 Hektaren Ackerbau. Heute ist der Betrieb verpachtet. Brüggers wohnen aber nach wie vor dort. «Ich war nie eine Bäuerin. Ich war die Frau des Bauern», sagt Irene Brügger und schmunzelt. «Irgendwann haben wir festgestellt, dass ich mit meiner Tätigkeit als Künstlerin tendenziell im Sommer frei habe, und mein Mann, der Bauer, hatte halt eher im Winter Zeit. Da stellte sich für uns die Frage, wie wir das anstellen, dass wir auch gemeinsam Zeit haben.» So entschlossen sich Brüggers, eine neue Lösung zu suchen und den Betrieb zu verpachten.

2027 werden es 20 Jahre sein, seit die gelernte Kauffrau das «Einfrauorchester» gegründet hat. Den Start beschreibt die Multiinstrumentalistin als eher holprig. «Meine ersten beiden Auftritte waren furchtbar», erzählt Brügger und lacht dabei. «Der erste Auftritt verlief ganz und gar nicht wie geplant. Der zweite war dann in einer Bar, die keine eigentliche Bühne hatte. Ich konnte auf dem Bartresen stehen oder auf dem Klavier. Mit meinem Röckchen war beides nicht gerade ideal.» Ihre Kleidung im Stil der 50er-Jahre ist zu einem Erkennungszeichen geworden. Darauf gekommen sei sie, da sich viele Lieder der 50er gut mit einem Loopgerät spielen liessen und ihr der Stil gefiel. Die Kleider schneidert sie selbst. «Irgendwann habe ich ein Schnittmuster entwickelt, das so richtig gut passte, und seither arbeite ich damit.» Die Sammlung an Kostümen ist beachtlich. «Ich habe so viele Kleider, dass ich locker 14 Tage jeden Tag etwas anderes tragen könnte.»
Die vielen Kleider braucht sie auch. Die Anzahl an Auftritten, die sie in kurzer Zeit absolviert, ist beachtlich. Am 16. September 2026 feierte sie im Stadttheater Sursee mit ihrem neuen Stück Premiere. Allein von da bis Weihnachten sind 35 Auftritte mit dem neuen Programm geplant. Einige davon sind bereits jetzt ausverkauft. Ähnlich geht es von Januar bis Mai weiter. Total sind 64 Auftritte geplant, hauptsächlich an Wochenenden, aber auch unter der Woche. Etwas, was man dem Publikum anmerke. «Am Samstagabend wird meist früher gelacht. Das Publikum ist lockerer und entspannter. Nach einem Arbeitstag brauchen die Menschen etwas länger, bis sie angekommen sind», sagt die 47-Jährige. Sie freut sich, wenn Menschen bei ihren Vorstellungen zwei Stunden abschalten können.


«Ich bin keine Witzeerzählerin. Das überlasse ich lieber anderen.» Auch Sprüche unter der Gürtellinie macht Brügger nicht. «Das würde einfach nicht zum Frölein passen.» Damit eine Pointe funktioniere, brauche es eine überraschende Wendung in der Geschichte. Ein neues Programm testet sie an Tryout-Vorstellungen. Wobei da nur noch kleine Anpassungen gemacht werden. «Ich weiss mittlerweile sehr gut, was funktioniert und was nicht.» Der grösste Aufwand bestehe wohl darin, all die Texte auswendig zu lernen. Dafür und allgemein zur Entspannung geht sie gerne auf einen Spaziergang durch den Wald und über die Felder. «Wenn die Texte stehen, nehme ich sie aufs Ohr und höre sie mir während des Gehens an. Die Bewegung hilft mir beim Lernen.»
Bewegung ist zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lebens geworden. Während sie früher in der Trachtengruppe, dem Jugendchor oder in der Jugendmusik war, besucht sie heute zweimal pro Woche das Fitnesscenter. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich je Freude an Sport hätte», sagt Brügger. «Das tut es aber, und es ist ein Hobby, das wir auch als Paar gemeinsam machen.» Nach 40 habe sie gemerkt, dass es nicht mehr ohne gezieltes Training gehe. «Ich habe mal beim Ballenbeigen auf dem Wagen geholfen und mich gefragt, wie meine Mutter das nur mit solcher Leichtigkeit machen kann. Bäuerinnen sind einfach anders fit.» Brügger hatte Rückenprobleme. Auf Tour sind sie jeweils zu zweit unterwegs. Brügger und der Techniker machen alles allein. «Beim Ein- und Ausladen der Ausrüstung habe ich gemerkt, dass mein Rücken nicht mehr wie früher mitmacht.» Seit sie trainiert, geht das wieder ohne Probleme.


Trainiert wird unter anderem beim Bodycross mithilfe von Traktorenrädern. Das ist aber nicht die einzige Verbindung zur Landwirtschaft, die Brügger in ihrem Leben sieht. «Ich sehe viele Parallelen zwischen den Anforderungen in meinem Beruf und der Landwirtschaft», sagt sie und führt aus: «Beide sind selbstständig, das ist mir auch sehr wichtig. Beide müssen sich immer wieder neu orientieren, sich dem Klima und dem Markt anpassen. Man muss sich selbst vermarkten können, und man muss flexibel sein und spontan reagieren können.» Nicht zu unterschätzen sind auch Stress und Druck zu Spitzenzeiten. Während ihrer Zeit bei «Giacobbo und Müller» hatte sie jeden Sonntag einen Auftritt. «Du musst jede Woche liefern. Einmal nicht liefern ist okay. Beim zweiten Mal bist du weg.» Eine intensive Zeit. Als sie zu der Sendung kam, waren ihre Kinder noch im Kleinkindalter. Die Sendung, die Kinder, der Haushalt, der Betrieb waren eine Mehrfachbelastung, die Brügger nur durch die Unterstützung ihrer Schwiegermutter und ihrer Mutter stemmen konnte. Die Bauerntochter hat ihre Mutter in dieser Zeit offiziell eingestellt. «Das ist auch einer der Vorteile des Landlebens, dass die Generationen einander unterstützen.» Zu diesem Zeitpunkt wohnte auch Brüggers Grossmutter noch im Haus.
Jetzt sind die Kinder älter. Der 16-jährige Sohn hat gerade mit der Ausbildung zum Maurer begonnen. Das gibt neue Freiheiten. «Ich geniesse das sehr. Es ist wieder fast wie dann, als wir noch jung und ledig waren. In diesem Sommer war ich tatsächlich wieder auf einem Open Air, so richtig mit Zelt», erzählt Brügger und strahlt. Das Bewusstsein dafür, dass sie sich jetzt in ihrer Halbzeit befinde, habe ihr beim Entspannen geholfen. Sie will die verbleibende Zeit sinnvoll verbringen und nicht nur herumrennen. «Ich hoffe, dass es so weitergeht, und bin gespannt, was alles noch kommen wird.»
Daten zur Tour und Tickets sind unter www.einfrauorchester.ch zu finden.
