Ein Tausendsassa auf der Wiese und am Wegrand, und trotzdem irgendwie underrated: Warum und wie die Schafgarbe vor einigen Jahren im Leben unserer Autorin aufgetaucht ist.
Die Schafgarbe
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt

Die Geschichte von Achilles hat mich eigentlich nie sonderlich interessiert, nicht mal damals Anfang der Nullerjahre, als Brad Pitt den griechischen Helden in «Troja» verkörperte. Jenen Achilles, den seine Mutter als Baby in den Fluss Styx taucht, auf dass er unverwundbar werde, und den man fortan an der Ferse treffen musste, wollte man ihn verletzen.
Bis ich begann, Romane über die griechische Mythologie zu lesen und mich überhaupt in die oft skurrile Welt der Göttinnen und Götter zu vertiefen. Hier kommt die Schafgarbe (Achillea) ins Spiel: Unter anderem im superspannenden Roman «Das Lied des Achill» von Madeline Miller las ich, dass eben dieser Achilles sich schon als Kind das Kraut auf seinen wunden Punkt gelegt haben und später die Wunden seiner Krieger so geheilt haben soll.
Irgendwie cool, die Vorstellung (ja, ich sehe vor meinem inneren Auge Brad Pitt, ich gebs zu).
Klar, Achilles ist ein Mythos. Aber die Geschichte gefiel auch Naturforscher und Botaniker Carl von Linné (1707–1778), der die Gattung Achillea im 18. Jahrhundert nach dem fast unverwüstlichen Herobenannte. In unseren Breitengraden wächst vor allem die Gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium), ihr Beiname millefolium kann mit «Tausendblatt» übersetzt werden. Carl von Linné beschreibt vor allem die Blätter, die, um noch ein wenig in den alten Sagen zu verweilen, den Wimpern der Venus (beziehungsweise Aphrodite, wenn wir bei den Griechen bleiben wollen) ähneln sollen.

Vom Olymp aber zurück auf hiesige Wiesen und zu dieser Kolumne: Sich im Juni für eine einzige Pflanze entscheiden zu müssen, ist ‒ für mich jedenfalls –, als ob man mir sagen würde: Du darfst jetzt nur noch ein Lebensmittel zu dir nehmen! Also eine nicht unmögliche Aufgabe, eine doch eher unangenehme.
Wie soll man sich da entscheiden?
Und wenn ich schon bei Geständnissen bin, erst wollte ich über die Königskerzen schreiben, weil ich einst im Juni nach einer Wanderung durch einen verwunschenen Wald hoch oben zwischen historischen Mauerresten unzählige davon entdeckt hatte. Aber dann fiel mir irgendwie nicht viel mehr dazu ein (ausser, dass ich gerne mal eine Fackel aus einer Königskerze herstellen würde, ich melde mich sofort, falls!).
Also bin ich bei der Schafgarbe gelandet. Ich bin froh.

Königskerzen, welche der Autorin auf einer Wanderung begegneten. Doch über die Schafgarbe wusste sie am Ende mehr zu berichten.
Vielleicht eine Zauberpflanze
Die Schafgarbe wächst auf Fettwiesen, auf Äckern, an Wegrändern, aber auch auf Brachen und Schutt. Wie es ihr Name sagt, fressen Schafe gerne ihre jungen Blätter (zwecks Veranschaulichung wanderte ich zum nächsten Hof, wo ich allerdings nur Geissen vorfand, die sich wiederum überhaupt nicht ablichten lassen wollten mit der Schafgarbe). Auch Schmetterlinge lieben sie.

Die Geissen lassen sich ungern mit der Schafgarbe ablichten.
Man erkennt sie leicht: Ihre Blätter, ich habe es erwähnt, sehen aus wie Wimpern (nein, Sie werden diesen Umstand jetzt nie mehr vergessen). Früher, meine ich irgendwo gelesen zu haben, legten junge Frauen diese Blätter deshalb auf ihre Augen, um im Schlaf künftige Liebhaber zu erblicken. Umgekehrt soll die Schafgarbe helfen, Träume zu deuten (wozu man sich an Träume erinnern müsste, was ich derzeit nicht tue).

Ist sie erst einmal aufgeblüht, nehme ich sicherheitshalber jeweils noch die Pflanzenapp zur Hilfe, einfach, um sicher zu sein, dass ich keinen hochgiftigen Gefleckten Schierling nach Hause schleppe, das wäre ja noch!
Die Blüten der Schafgarbe in Weiss, in Blassrosa, in Farben, deren Namen ich nicht kenne, sind wunderschön. Trotzdem habe ich immer den Eindruck, sie stehen, man verzeihe mir die saloppe Ausdrucksweise, auf der Wiese herum ohne grosse Ambitionen. So sieht es aus.
Was natürlich totaler Blödsinn ist. Aber es hat schon was: Die Schafgarbe, dünkt mich, ist etwas underrated, obwohl sie doch so vieles kann. Sie ist seit jeher eine Heilpflanze, nicht nur bei Wunden (zum Beispiel in Kämpfen: Im Volksmund nannte man sie auch «Soldatenkraut»). Sie soll bei Menstruationsproblemen und bei Wechseljahrsbeschwerden helfen, bei Nerven-, Kopf- und Zahnschmerzen, bei Verdauungsproblemen und vielem mehr.
Ein wahrer Tausendsassa! Einer, der früher sogar als Zauberpflanze galt. Noch heute gibt es in gewissen alpinen Gegenden den (kirchlichen!) Brauch der «Kräuterbuschen» zu Mariä Himmelfahrt am 15. August. Dann werden Schafgarbe oder Königskerze, Ringelblume, Beifuss und andere zu Kräuterbüscheln gebunden, die man in den Dachboden hängt. Als Schutz vor allerlei Schlimmem, Gewitter, Blitz und Donner vor allem, und vielleicht auch vor bösem Zauber!

In meinem Garten wächst die Schafgarbe mittlerweile an vielen Stellen, und zwar, seit ich einmal eine Pflanze ausgegraben habe, am Waldrand, weit und breit keine Schafe in Sicht, dafür aber viele Insekten. Seit da zupfe ich im Frühling und bis in den Juni hinein immer eins, zwei von den zarten Blättern ab und esse sie quasi im Vorbeigehen. Die Blüten gebe ich manchmal in einen Krug mit Wasser (es schmeckt dann ganz leicht nach Muskatnuss, finde ich) oder gebe sie einem Pesto bei.
Natürlich kann man auch ein einfaches Kräutersalz machen. Das leuchtet in einem hübschen, blassen Grün. In Isabel Fischers «Wild durchs Jahr» (Kosmos-Verlag), übrigens einem der besten Bücher, wenn es um einfachste Kräuteranwendungen in der Küche geht, habe ich ein schönes Rezept gefunden.

Pfeffriges Sommersalz
Zutaten:
2 Handvoll gemischte Kräuter wie Schafgarbe, Rosmarin, Thymian, Currykraut, Liebstöckel und Oregano. Oder Schafgarbe allein.
2 Handvoll Salz (z. B. Alpensalz)
2 TL Pfefferkörner
Schafgarben sammeln, Blüten und Blätter vom harten Stängel trennen. Alle Zutaten in einen Mixer oder Mörser geben, auch ein Stabmixer ist möglich. Zutaten zerkleinern. Das feuchte Salz auf ein Backpapier streichen, an warmem, luftigem, vor Sonne geschütztem Ort 2 Tage lang trocknen lassen. Noch einmal mixen und in ein verschliessbares Glas geben.

Obiges Rezept stammt aus «Wild durchs Jahr. Pflanzen sammeln und geniessen von Januar bis Dezember», von Isabel Fischer, 160 Seiten, Kosmos Verlag.