2026–05–06T13:59:26GMT+0200

Frau Egloff, wie haben Sie die porträtierten Betriebe ausfindig gemacht und ausgewählt?
Gewisse Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter kannte ich von meiner Arbeit oder persönlich. Gfellerbio in Sédeilles VD wird beispielsweise von meinem Cousin geführt. Dann habe ich über Organisationen wie KAG Freiland, Kleinbauern-Vereinigung oder Biovision gesucht. Mein Anspruch war, Produzierende möglichst aller in der Schweiz gängigen Lebensmittel vertreten zu haben und die verschiedenen Landesregionen zu berücksichtigen. Zudem sollten die Betriebe unterschiedlich funktionieren.

Haben sich in Ihren Gesprächen Umstände herauskristallisiert, die viele Höfe als problematisch empfinden?

Die Verteilung der Direktzahlungen, also die Subventionspolitik, wurde oft hinterfragt. Dass beispielsweise viele Zahlungen an die Grösse der Fläche gebunden sind und somit intensiv produziertes Getreide sehr günstig wird, wovon primär die verarbeitende Industrie profitiert. Auch, dass die Fleischproduktion viel stärker unterstützt wird als der Anbau von Pflanzen – obwohl dies den Klimazielen des Bundes diametral entgegenläuft. Bedauert wurde, dass die Konsumierenden keine Ahnung mehr haben, was alles hinter der Lebensmittelproduktion steckt, und wir Schweizerinnen und Schweizer prozentual sehr wenig Geld für Lebensmittel ausgeben, was wiederum zu mehr Food-Waste führt.

KeylineDesign auf dem Katzhof in Richenthal LU.

Der Wert von Lebensmitteln ist ein gutes Stichwort. Es fällt auf, dass sämtliche porträtierten Betriebe auf Direktvermarktung setzen. Was hat das für Gründe?

Unter dem Strich geht die Rechnung so für die Produzierenden besser auf als bei der Vermarktung über Grossverteiler. Es ist den Betrieben so auch möglich, Produkte zu verkaufen, die nicht den Normen entsprechen. Also ein krummes Rüebli oder etwas kleinere Eier. So kann Food-Waste verringert werden. Über die Direktvermarktung können die Höfe den Kontakt mit der Kundschaft pflegen, sie dafür sensibilisieren, was es heisst, Lebensmittel zu produzieren, und sie erhalten mehr Wertschätzung.

Obstgarten bei Natürlich Schwarz in Tägerwilen TG.

Sie sind damit vertraut, was es für die Lebensmittelproduktion benötigt. Haben Sie bei der Arbeit zum Buch dennoch neue Ansätze kennen gelernt?

Der Hochstammgarten von Natürlich Schwarz in Tägerwilen TG hat mich fasziniert. Wie durchdacht dort die Biodiversität gefördert wird, sodass sie ohne Spritzmittel Tafelobst produzieren können. Beim Katzhof in Richenthal LU habe ich viel über das Keyline-Design gelernt. Bei diesem System werden, um Wasser besser zu nutzen, entlang von Höhenlinien Wassergräben ausgehoben und das Aushubmaterial zu Dämmen aufgeschüttet, auf denen Bäume und Sträucher wachsen. Auch die verschiedenen regenerativen, also bodenaufbauenden Ansätze finde ich spannend. Da die Bedingungen in der Schweiz sehr unterschiedlich sind, gibt es kein Modell, das für alle funktioniert. Ein Betrieb soll auf die Tiere, Pflanzen oder Systeme setzen, auf die er Lust hat. Eine Kultur zu etablieren, die einem nicht entspricht, ist nicht sehr erfolgsversprechend.

Künftige Futterhecke bei Adlerzart in Oberrüti AG.

Wie stehen Sie zu Nutztieren? Ist deren Haltung künftig sinnvoll und vertretbar? Zu welchem Schluss kamen die befragten Forschenden?

Um in einem Kreislauf zu wirtschaften, also beispielsweise nicht Düngemittel zukaufen zu müssen, und Gras zu nutzen, ist die Haltung von Tieren nahezu unabdingbar. Aber nicht in dem Ausmass, wie es heute in der Schweiz der Fall ist. Den ethischen Aspekt in dieser Frage habe ich bewusst ausgeklammert; ich finde, jede Person muss für sich selbst entscheiden, ob sie die Nutzung von Tieren vertretbar findet oder nicht.

Gemeinsames Ernten bei der Solawi Radiesli in Worb BE.

Zum Schluss noch eine Frage, die Ihnen bestimmt schon oft gestellt wurde: Was hat es mit dem titelgebenden Radiesli auf sich?

Als ich auf dem als solidarische Landwirtschaft organisierten Radiesli-Hof in Worb BE war, hat mir ein Mitglied auf meine Frage, wieso sie sich hier für ihr Gemüse abrackert, anstatt es einfach im Laden zu kaufen, geantwortet: «Immer, wenn ich an der Gesamtweltlage zu verzweifeln drohe, stimmt mich das Radiesli zuversichtlich. Hier wird so vieles erfüllt, das so vieles verändern kann.» Diese Aussage fand ich inspirierend, denn mit dem Buch möchte ich genau diese Zuversicht und Lust auf eine Veränderung transportieren. Wir alle haben es mit jedem Einkauf in der Hand, welche Art der Landwirtschaft wir unterstützen.

Nicole Egloff (1982) hat an der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW) Journalismus und Organisationskommunikation studiert. Das dort erworbene Wissen durfte sie während 15 Jahren in die Kommunikationsabteilung der Sortenerhaltungsorganisation Pro Specie Rara einbringen. Seit September 2022 verfasst die Aargauerin als freischaffende Journalistin Beiträge in den Bereichen Natur, Nachhaltigkeit, Ernährung, Landwirtschaft und Garten. Im August 2025 ist im Rotpunktverlag ihr erstes Buch «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich. Zwölf Bauernhöfe denken Landwirtschaft neu», erschienen. Für dieses Projekt hat sie mit der Fotografin Raphaela Graf zusammengearbeitet. In ihrer Freizeit findet man Nicole Egloff in ihrem Garten, wo sie auch Hühner und Kaninchen hält.


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