Walter Muheim aus dem sankt-gallischen Wittenbach stürzte im Oktober 2023 bei der Hofarbeit schwer und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Er kämpfte sich zurück. Zusammen mit seiner Frau.
Bewusster im Hier und Jetzt durch einen Schicksalsschlag
Text ― Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
Bilder ― Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

An den verhängnisvollen 2. Oktober 2023 erinnert sich Walter Muheim, besser bekannt als «Walti», noch gut, und doch weiss er nicht mehr, was genau geschehen ist.
An jenem Tag half er seinem Nachbarn beim Transport der Maisballen.
Offenbar stand Walti Muheim auf dem Wagen, als er unglücklich stürzte, auf den Boden fiel und bewusstlos liegen blieb. Wie es genau dazu kam, bleibt für ihn jedoch bis heute ein Rätsel. Fremdeinwirkung war es jedenfalls nicht. Er erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.
Lebensbedrohliche Blutergüsse
Auf die Frage, wie sie den Unfall ihres Mannes erlebt habe, antwortet Imelda Muheim: «Ich habe einfach funktioniert und musste vieles organisieren.» Obwohl sich Walti Muheim an den genauen Unfallhergang nicht erinnern kann, weiss er, dass er kurz zu sich kam, als ihn die Rettungssanitäter auf der Tragbahre ins Spitalauto schoben. «Ich habe die Stimme von Imelda wahrgenommen.» Walti Muheim wurde ins Kantonsspital St. Gallen gebracht und am Kopf operiert, um die lebensbedrohlichen Blutergüsse zu entfernen. Die Schädeldecke musste nicht entfernt werden, das Blut wurde stattdessen durch ein in den Schädelknochen gebohrtes Loch abgesaugt. Wie lange die Operation dauerte, weiss er nicht.
Er habe auch nicht nachgefragt. Für ihn galt nur eines: nach vorne schauen, weitermachen und gesund werden. Walti Muheim musste sieben Tage im Spital bleiben, bevor er zur Reha nach Walzenhausen verlegt wurde. Vorgesehen waren dort drei bis vier Wochen. Doch sein unbändiger Wille brachte ihn bereits nach zwei Wochen zurück nach Hause. Anfangs in der Reha war er auf den Rollstuhl angewiesen, kurz danach konnte er wieder zu Fuss gehen. Schwindelattacken gehörten jedoch zum Alltag. Noch heute sei er beim Treppengehen vorsichtig, denn manchmal überrolle ihn der Schwindel immer noch.

«6er im Lotto»
Auf dem rechten Ohr hört er weniger. Zudem leidet er nach wie vor unter anhaltenden Ohrgeräuschen und ermüdet bereits nach kurzer Zeit. Die Müdigkeit zeige sich immer wieder, sei es beim Reden oder bei kleineren Arbeiten. War es reiner Zufall oder Schicksal? Walti und Imelda Muheim hatten sich wegen fehlender familiärer Nachfolge schon länger mit der Hofübergabe beschäftigt. Im Herbst 2023, kurz vor dem Unfall, stand die Nachfolge fest, der Vertrag war jedoch noch nicht unterzeichnet. Wieder zu Hause, leitete er während dreieinhalb Monaten den Landwirtschaftsbetrieb.
«Imelda hat die Arbeiten ausgeführt», ergänzt er. Während dieser Zeit konnte der Vertrag mit dem Hofnachfolger unterzeichnet werden. «Die Familie Flammer aus Mörschwil ist für uns wie ein Sechser im Lotto. Eine bessere Hofnachfolge gibt es gar nicht», sind sich die beiden einig. Nur zehn Tage vor dem Unfall hatten Muheims ihr heutiges Zuhause in Wittenbach besichtigt. Selbstmitleid kommt für Walti Muheim nicht infrage: «Ich hatte wirklich Glück im Unglück. Es hätte noch schlimmer kommen können.»
Die beiden haben schon immer bewusst gelebt. Der Schicksalsschlag hat sie aber gelehrt, noch bewusster im Hier und Jetzt zu sein. Dass er so offen kommunizieren könne, sei ein Vorteil. «Wenn ich nicht immer wieder über das Erlebte gesprochen hätte, wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Mein gutes Umfeld und vor allem meine Frau geben mir Halt und sind meine Stütze», betont er.

Teamarbeit ist wichtig
Das Miteinander stand für Muheims ohnehin schon immer an erster Stelle. «Ich habe keine Kuh und keine Maschine gekauft, ohne es vorher mit Imelda zu besprechen. Ich war die treibende Kraft, doch wir haben alles gemeinsam diskutiert. Respekt in einer Beziehung ist wichtig», sagt er. Ihre enge Zusammenarbeit im Alltag und auf dem Hof haben beide geschätzt. Um das Miteinander zu geniessen, haben sich Walti und Imelda Muheim schon immer auch während der Arbeit Auszeiten gegönnt.
Sie unternahmen Ausflüge, machten ab und zu eine Reise oder waren mit dem E-Bike unterwegs – Aktivitäten, die sie noch heute pflegen. Sie sind im gemischten Chor der Trachtengruppe Rorschacherberg aktiv, wo Walti Muheim früher auch im Theater mitwirkte. Ausserdem spielt er Schwyzerörgeli und tritt an Stubeten in der Umgebung auf. Zudem engagiert er sich als Vorstandsmitglied im Feuerwehrverein sowie im Christlichen Bauernbund. Obwohl Walti Muheim noch mit den Spätfolgen seines Schädel-Hirn-Traumas kämpft, hat er seine Lebensfreude nicht verloren und ist der Mensch geblieben, der er immer war.