2023–03–01T15:32:22GMT+0100
nina kobelt im garten

Nina Kobelt auf der Suche nach Kräutern im Berner Stiftsgarten.

«Doch selbst wenn meine Liebe zu Pflanzen an manchen Tagen unfassbar viel grösser ist als jene zu Menschen: Ich bin keine Einsiedlerin.»

Ich sage ja immer, die Brennnesseln seien schuld. Vor einigen Jahren war ich mit einer Kräuterfrau unterwegs, einer professionellen Sammlerin, irgendwo im Greyerzerland, der Jaunpass nicht weit. Wos zu jeder Jahreszeit irgendwie mystisch ist, warum das so ist, weiss ich nicht, aber das Gras leuchtet dort ein bisschen grüner als anderswo, und die Berge wachen dunkel und streng über Land und Leute. Das vermittelt einem ja auch ein Gefühl von Sicherheit.
 

Aber die Brennnesseln: Ich streifte also mit dieser cueilleuse durch die Wiesen, sie erklärte viel, etwa, wie sie die Blüten des Wiesenschaumkrauts mit Öl, Knoblauch und Salz mischen und sie auf frisches Weissbrot streichen würde. Alle paar Meter entdeckte sie etwas Neues, Waldsauerklee, Gundelrebe oder Wiesenschaumkraut. Sie sprach über Bärlauch, den Giersch, den sie als Gänsefuss aus dem Französischen übersetzte und bezeichnete schliesslich die Brennnessel als «Star am Wegesrand». Die fiesen, zackigen Blätter dieses Stars zupfte sie einfach ab, legte sie auf eine Hand und schlug mit der anderen zu. Dann rollte sie eine Kugel daraus und steckte sich den bonbon in den Mund.


Das beeindruckte mich so halb (ich hatte als Kind diverse Mutproben dieser Art hinter mich gebracht). Aber die Brennnesselchips warfen mich um. Diese gab es später in der Pinte des Mossettes zu essen, dorthin hatte die cueilleuse ihre Kräuter gebracht (das Restaurant gibt es noch, die Website sieht fancy aus und das Essen teuer, aber noch immer kräuterlastig).


Zu den Chips gabs damals Salbei-Müsli dazu – nur eben mit Brennnesseln, also frittiert in Bierteig. Der Wein aus dem Vully hat vielleicht das Seine dazugetan, aber um mich war es geschehen.

Ich wollte gleichzeitig eine Pflückerin werden, eine Wildpflanzenköchin, jemand, der drauskommt.

Während der letzten Jahre habe ich deshalb viel Halbwissen angesammelt, und Halbfähigkeiten. Ich weiss ungefähr, was ich bedenkenlos pflücken und in einen Salat geben kann. Ich trockne bestimmte Kräuter, um an Silvester meine Wohnung auszuräuchern. Ich experimentiere mit Samen, die ich in Garten und Wald aussäe (Senfkörner ein bisschen zu exzessiv letztes Jahr, mon dieu). Ich stelle meine Raumsprays selber her – mit abgekochtem Wasser, Wodka und ätherischen Ölen. Aber: Das reicht jetzt einfach nicht mehr. Erstens möchte ich selber destillieren, was ich gesammelt habe (und vielleicht mal einen Gin machen). Zweitens gibt es einfach zu viele Kurse und Ausbildungen, als dass ich weiter mein Halbwissen hege und pflege.


Die Brennnesseln standen natürlich nicht am Anfang. Ich bin ein Landkind. Das heisst, ich bin aufgewachsen zwischen Rüeblirabatten, mit Beerenlesen und im Wald. In Letzterem baute ich Miniaturwelten auf. In meinen Häusern aus Ästen und Blättern lebten Waldfeen. Sie assen Blumen. Ich war immer glücklich, rückblickend, dort auf dem weichen Waldboden, und ich hatte immer etwas zum Essen dabei, Sauerampfer, Haselnüsse, solche Sachen.


Noch heute futtere ich im Frühling Löwenzahnstängel zwecks Entgiftung. Diese Angewohnheit habe ich nicht mal in den Phasen abgelegt, als ich die Stadt, in der ich grad lebte, wochen – wahrscheinlich monatelang nicht verliess – wegen des Studiums, wegen Partys, also aus absolut bescheuerten Gründen. Aber Löwenzahn liess sich überall finden.

nina kobelt am räuchern

An Silvester räuchert Nina Kobelt ihre Wohnung aus.

nina kobelt am räuchern

Sie weiss, welche Kräuter sich zum Räuchern besonders eignen.

Ich mag auch die Stadt, vor allem im Winter. Darum geht es nicht. Aber nirgends bin ich so entspannt wie in Gegenwart von Pflanzen. Es mag die banalste Erkenntnis meines Lebens sein, und doch habe ich Jahrzehnte gebraucht, um mir ihrer klar zu werden.

 

«I have an endless love for the wild», schreibt Thalia Ho, eine britische Foodbloggerin, im Vorwort ihres Buches «Wild Sweetness», in dem sich eine Menge Rezepte finden, für die es Veilchen, Wacholder oder wilden Thymian braucht. Meine Liebe zur Wildnis ist unendlich, das empfinde ich auch so (obwohl es auf Englisch einfach besser klingt), und fast so gross ist meine Leidenschaft, für alles ein entsprechendes Buch zu besitzen.

Bei mir stapeln sich weit über dreissig Bücher, in denen es um Kräuter und Wildpflanzen geht. Sie haben lustige Namen wie «Der Giersch muss weg», «Gefundenes Fressen» oder «Die Alpen-Apotheke». Ich könnte mich mit dieser kleinen Bibliothek (und meinen diversen Pflanzenbestimmungs-Apps, die ich ebenfalls mit grosser Begeisterung herunterlade) problemlos selber weiterbilden.

Doch selbst wenn meine Liebe zu Pflanzen an manchen Tagen unfassbar viel grösser ist als jene zu Menschen: Ich bin keine Einsiedlerin, und habe auch nicht vor, eine zu werden. Und deshalb muss ich mir helfen lassen. Pflanzentechnisch, mein ich.


Dass das nur eine Phase ist, glaube ich nicht. Zu fest beginnt mein Herz zu klopfen, wenn ich irgendwo eine Doku über eine Frau sehe, die sich auskennt in der Natur. Über einen Koch, der mit wildem Thymian würzt. Über die Hügel auf Kreta, wo es eine Million verschiedene Kräuter gibt (und die Leute hundert Jahre alt werden, guess why!)


Die Brennnessel wird immer wichtig bleiben. Vor ein paar Jahren reiste ich sogar an ein Brennnesselfest. Es war ein bisschen schräg, gar kein richtiges Fest, sondern ein paar Marktstände und ein Restaurant, in dem man Brennnesselgnocchi bestellen konnte. Ich kaufte einen Spray, der meine Haare zum Glänzen bringen, ihnen Halt verschaffen sollte, was er auch tat, man sagte mir, er bestünde aus Brennnesseltinktur und Wasser und anderen Zutaten.
 

Dieses Jahr mische ich mir selber einen Haarspray.

Bücher, an denen ich sehr hänge

Michael Isted
«Pflanzen Power Drinks.
Getränke zum Reinigen, Stärken, Entspannen und Beleben selber machen»,
AT Verlag
‣ Mit etwas komplizierten Rezepten zwar, aber auch Knallern wie «Wegerich-Fizz» oder einem «Liebeselixier»


Janine Hissel/Liesa Rechenburg
«Wildkräuter im Herbst und Winter», Verlag Ulmer
‣ Bei jeder der über 40 Wildpflanzen steht jeweils hilfreich die Rubrik «Erkennen in der Kälte» 


Meret Bissegger
«Meine wilde Pflanzenküche.
Bestimmen, Sammeln und Kochen von Wildpflanzen», 
Verlag AT 
‣ Ein Standardwerk. Alles ist hier drin zu finden, und in meinem Exemplar steht eine Widmung der Autorin, die mich irgendwie froh werden lässt: «Für Nina, gute Ernte!»


«Wildside», Verlag Gestalten 
‣ Ein sogenanntes Coffee Table Book, schwer, mit vielen Bildern von schönen Menschen, die im Rhythmus der Natur leben. Oder zumindest fotografiert wurden, als ob sie das tun würden


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