2023–06–22T11:22:00GMT+0200
Thomas Monn

Er gärtnert für den Sternenkoch: Thomas Monn.

«Das gefällt mir an der Permakultur:
Es ist ein Labor. Ein stetiges Ausprobieren.»

Grillen zirpen, sagt man. Der Ausdruck ist nicht ganz richtig, denke ich, sie singen. Ein bisschen nervig fast, mit viel zu viel Vibrato, aber es tönt halt so schön nach Süden, wo die Nächte warm sind und das Leben leicht. Das ist es hier bestimmt auch. Trotzdem bin ich froh, als die Idylle durch den Krach des Rasenmähers unterbrochen wird. 
 

Beides, Grillen und Maschine, haben mit dem Garten zu tun – und mit dem Mann, den ich besuchen will: Thomas Monn, Gärtner in Fürstenau GR, diesem kleinen Weiler in der Nähe von Thusis, der hauptsächlich aus dem Schloss Schauenstein besteht. Der Schlossherr ist Andreas Caminada, höchstdotierter Koch der Schweiz.
 

Thomas Monn will ich fragen, wie man für eine Sterneküche gärtnert. Weil, und das wissen alle, die gern gut essen, hinter jedem köstlichen Mahl stehen köstliche Produkte. Frische, unbehandelte meist. 
 

Für Thomas Monn sind Pflanzen Lebewesen, er möchte, dass es diesen gut geht. Er gärtnert nach den Prinzipien der Permakultur. Das heisst im Wesentlichen: Mischkulturen anbauen, die sich gegenseitig stärken. Den Boden schützen, dafür sorgen, dass er gesund ist, zum Beispiel durch stetiges Mulchen. «Mulch ist eine Art Flächenkompost», sagt Thomas Monn. 
 

Das Gras wird rund um die Pflanzen auf der Erde verteilt. So wird der Boden geschützt, trocknet weniger aus, wird super durchlüftet, dafür sorgen die Regenwürmer, die sich ihr Futter von der Oberfläche nach unten holen und in Humus umwandeln.
 

Mir wird bewusst, dass ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe. Über die Würmer, meine ich. 

Gartenaufnahme

Die Pflanzen wachsen z.T., wo es ihnen gefällt.

Da und dort ist ein Steinhaufen zu sehen, er ist Wohnort für verschiedene Insekten, Eidechsen oder Mäuse. Es gibt keinen Quadratmeter, auf dem nicht etwas blüht oder wächst oder lebt, und würde man diesen Garten auf einem Gemälde betrachten, würde man sagen: «Das ist too much.» 


Dazu tragen auch jene cleveren Pflanzen bei, die sich selber vermehren. Die Platterbse etwa, eine krautige Pflanze, die recht hoch werden kann und auch in die Breite wächst. Sie steht am Rand zur Magerwiese, die gerade gemäht wird, und alle lieben sie. «Sie hat wunderschöne Blüten», sagt der Gärtner. Die Köche verwenden sie als Deko. Verarbeiten ihre Triebe, die Schötchen, die Erbsen.


Auch die Schwarzblaue Holzbiene liebt Platterbsen. Und den Muskatellersalbei. Er wird riesig. Auch er hat, man sieht es am Leuchten in Thomas Monns Augen und hört es an der Begeisterung in seiner Stimme, einen wunderbaren Geschmack. «Etwas zwischen Cannabis, Grapefruit und Zitrone. Etwas vom Feinsten, was es gibt.» Er hofft, sie überlebt hier vor einem der Gewächshäuser, mitten im Weg eigentlich. 


Dass überall irgendetwas spriesst, hat auch damit zu tun, dass er viele Pflanzen versamen lässt. Dann wachsen sie, wo es ihnen gerade gefällt. «Das gefällt mir an der Permakultur: Es ist ein Labor. Ein stetiges Ausprobieren.»

Teller

Vom Garten direkt in die Sterneküche.

«Etwas zwischen Cannabis, Grapefruit und Zitrone. Etwas vom Feinsten, was es gibt.»

Teller

Das Essen im Restaurant Oz ist magisch.

Wir laufen zusammen durch den Bilderbuchgarten, und das dauert länger als erwartet. Weil Thomas Monn so viel zu erzählen hat. Immer wieder nimmt er eine Blüte in die Hand, rupft ein junges Rüebli aus und streichelt über ein Blatt. Er spricht von den Pflanzen, als ob sie liebe Freunde wären. Die Schafgarbe, die Berberitze, die Königskerze. 

 

Es gibt auch Beete, die mit Holzbalken umzäunt sind. «Andreas», sagt Monn, «mag es gerne aufgeräumt.» Ihn stört das nicht, eher im Gegenteil. «Es ist schön, wenn es auch im Naturgarten Rahmen gibt.» 

 

Thomas Monn, der jetzt Mitte 50 ist, hat vor langer Zeit die landwirtschaftliche Schule gemacht, allerdings war jene ausgerichtet auf Milchwirtschaft. Er arbeitete auf Alpen und als Heilpraktiker und war in Chur bei einem Gemeinschaftsgarten dabei. Schliesslich machte er eine Permakultur-Weiterbildung bei Josef Holzer, dem Sohn von Sepp Holzer, selbst ernannter Agrarrebell und ökologischer Visionär aus den österreichischen Alpen.

Thomas Monn im Garten

Und dann traf er vor ein paar Jahren auf Andreas Caminada, der ihm diesen Flecken im Domleschg zeigte. In diesem Tal der Steinmäuerchen, in dem sich Obst und Gemüse so wohl fühlen und besser zu wachsen scheinen als anderswo. Der Sternekoch schlug ihm vor, gemeinsam den kleinen Küchengarten am Schloss auszubauen, um mit Monns Expertise ein besonderes Gartenprojekt in Angriff zu nehmen. 

 

Und jetzt holt die gesamte Küchenbrigade bei Monn Tipps – und Obst und Gemüse und Kräuter und Blumen. Was hier geerntet wird, landet kurze Zeit später auf einem Teller, meistens im vegetarischen Restaurant Oz, das nur 12 Plätze hat, einiges aber auch im Schloss. Für Andreas Caminada und sein Team ist es, könnte man sagen, ein Riesengewinn. Es gibt wenige Orte, wo das Gemüse so frisch auf den Teller kommt wie hier. Und für Thomas Monn war dieser Garten «ein Riesengeschenk». Sagt er selber.

 

Immer noch arbeitet er fünfzig Prozent als Homöopath. Seine beiden Arbeitsstellen haben viel miteinander zu tun, im Schlossgarten macht er im Grunde dasselbe wie in seiner Praxis: Lebewesen pflegen und zu heilen versuchen. Forschen, wie er es besser machen könnte. Das Ganze betrachten, das Kleine nicht aus den Augen lassen. «Die klassische Homöopathie ist eine Erfahrungsmedizin, die auf sehr genauer Beobachtung basiert.» Kranken Pflanzen gibt er Verletzungsmittel, auch wenn er sie umtopft zum Beispiel.   

Seine Pflanzen sind stark. Und die Vitalität ist noch auf dem Teller zu schmecken, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Im Oz ein Gemüse zu essen, ist, als ob man auf der Wiese liegt, mittendrin und einfach den Mund aufsperrt. Es ist magisch, und ich bin versucht, Thomas mit dem Kalauer «Der Zauberer vom Oz» zu beschreiben. Nur hat dieser Garten nichts mit Hokuspokus zu tun. Vielmehr mit Respekt vor der Natur. Liebe zu fast allem, was wächst. Und dem Willen, zu lernen. 

 

Es ist still geworden. Selbst die Grillen pausieren, der Mann, der den Rasen mähte, ist nicht mehr zu sehen. Thomas in einem Gewächshaus verschwunden. Es ist Zeit zu gehen. Ich schliesse kurz die Augen, der Duft irgendeines Krauts kitzelt mich in der Nase.

 

Ich überlege mir, wo das nächste Gartencenter ist. Ich will Chocolate-Minze kaufen.

Teller
Der eigene Garten – die Tipps von Thomas Monn: 

Physalis anpflanzen oder Cosmea, verschiedene Tomatensorten. Rüebli natürlich.
Und Beeren. Nichts schmeckt besser als Himbeeren oder Stachelbeeren beim Reifezeitpunkt – das kann man nicht kaufen!
Gemüse, zum Beispiel Fenchel oder Salate, einfach mal ausschiessen lassen.
Kräuter. Zitronenthymian und Chocolate-Minze oder Afrikanischen Buschbasilikum anpflanzen.

Buchtipp
Alles über den Permagarten plus viele, erstaunlich gut nachzukochende Rezepte von Andreas Caminada finden sich in: «Andreas Caminada. Pure Frische. Meine vegetarische Küche» (AT-Verlag).


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