2023–01–19T14:41:23GMT+0100
Blumen

«Da wir unsere Sträusse anhand der Bestellungen planen, produzieren wir nur so viel, wie wir auch verkaufen können. So vermeiden wir es, Überschuss zu generieren und Blumen wegzuwerfen», erklärt Angela Meraviglia, Produktmanagerin beim Online-Blumenladen Blumenpost, der heute zum Online-Hofladen Farmy gehört. Für sie sei es wichtig, darauf zu achten, Blumen und Laub von Schweizer Produzenten einzukaufen. «Auf den Winter hin wird das natürlich schwierig, weil viele Sorten nur in kleinen Mengen verfügbar sind und man ein limitiertes Angebot hat.» Dann würden eben vermehrt auch Zweige und Äste zum Einsatz kommen. «Das ist nicht ganz einfach, da die Kundinnen und Kunden eben doch noch einen Blumenstrauss erwarten.» Als Ergänzung der Sträusse werden Blumen aus dem nahen Ausland, vor allem aus Norditalien, verwendet. «Es ist immer ein Unterschied, ob Blumen mit dem Camion aus Italien kommen oder per Flugzeug aus Südamerika.» Ähnlich wird das bei Familie Walter-Pfister im zürcherischen Freienstein gehandhabt. «Uns ist es sehr wichtig, im Einklang mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten. Deshalb bauen wir so viel wie möglich selbst an. Das tun wir aus Überzeugung ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden und Düngern. Seit Kurzem sind wir Fördermitglieder der Slowflowerbewegung», erklärt Christine Walter. Sie führt ihren Familienbetrieb, der knapp 1,4  ha Kulturland umfasst, zusammen mit ihrem Mann David und ihren Eltern.

«In unserem vielfältigen und wilden Garten bauen wir über 300 verschiedene Sorten Blumen, Kräuter und Gräser für den Verkauf am Wochenmarkt in Zürich an.» Wenn sie zur Ergänzung oder während des Winters Blumen von anderen Gärtnereien zukaufen müsse, sei es ihr sehr wichtig, auf Saisonalität und die Herkunft zu achten. «Wir kaufen nur Blumen aus der Schweiz oder unseren Nachbarländern. Leider ist nicht alles, was saisonal wirkt, auch wirklich hier gewachsen. Viele Blumen kommen oft von sehr weit her und werden meist unter fragwürdigen Bedingungen produziert.» Mittlerweile lasse sie solche Blumen im Zweifelsfall einfach stehen. «Damit ist unser Angebot im Winterhalbjahr oft nicht mehr so vielfältig wie bei anderen Anbietern. Wenn wir unserer Kundschaft aber erklären, weshalb, stossen wir meist auf grosses Verständnis, und viele sind dankbar und wünschen sich diesbezüglich mehr Transparenz», erklärt die Gärtnerin. «So versuchen wir unsere Kundinnen und Kunden für wirkliche Saisonalität zu sensibilisieren und zum Hinterfragen anzuregen. Gerade im Winter gibt es schöne Alternativen wie zum Beispiel unsere eigenen, unbehandelten Trockenblumen, die wir zu verschiedenen gemischten Sträussen und Kränzen verarbeiten.»

blumen in fischvase
blumen in gelber Vase

Blumen von blumenpost.com werden gezielt und wenn möglich regional eingekauft.

«In unserem vielfältigen und wilden Garten bauen wir insgesamt über 400 verschiedene Sorten Blumen, Kräuter und Gräser für den Verkauf am Wochenmarkt in Zürich an.»

Blumen inszeniert

Noch einen Schritt weiter geht Maja Bartholet mit ihrem Unternehmen Fleuraissance. In Zürich Seebach pflanzt und erntet sie vom Frühling bis in den Herbst ihre eigenen Blumen, verkauft sie und bietet Kurse und Workshops rund um den nachhaltigen Blumenkonsum an. Im Winter schliesst sie ihren Betrieb und arbeitet in der Kommunikationsbranche. Die Idee zu Fleuraissance entstand 2017 an einem Spätherbsttag. «Ich wollte für mich einen Strauss kaufen, war auf der Suche nach saisonalen und vor allem pestizidfreien Blumen und fand einfach nichts. So ging ich ohne Blumen, aber mit der Idee, Fleuraissance zu gründen, heim», erinnert sich Maja Bartholet. Sie ist mit ihren Blumen Teil der Slowflowerbewegung, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Schnittblumen saisonal, regional und vor allem ohne Pestizide zu produzieren. «Mittlerweile zählt die Bewegung in der Schweiz knapp 200 Mitglieder.» 

Sie alle eint nicht nur die Begeisterung für natürliche Blumen, sondern sie haben sich auch dazu verpflichtet, nur organische Düngemittel und keine Pestizide zu verwenden, auf Steckschaum und, so gut es geht, auch auf Einmal-Plastik zu verzichten. «Zudem verwenden wir, wann immer möglich, nachhaltig produziertes Saatgut und versuchen, so gut es geht, in geschlossenen Kreisläufen zu wirtschaften.» Gerade die Schweizer betreffe das Thema Blumen besonders stark, betont Maja Bartholet. «Wir sind Weltmeister im Blumenkaufen. Dass neunzig Prozent dieser Blumen von weit her kommen und vom Stiel bis zur Blüte voll sind mit Pestiziden und Fungiziden, damit sie die lange Reise überstehen, ist vielen nicht bewusst.» Die meisten dieser Blumen seien unter prekären Arbeitsbedingungen produziert worden, und die Arbeiterinnen und Arbeiter auf den Farmen würden ungenügend gegen diese gesundheitsschädlichen Stoffe geschützt. 

«Hinzu kommt die lange Reise von Kenia, Ecuador oder Japan über die Blumenbörse in Holland zu uns in die Schweiz. Die Blumen müssen konstant gekühlt sein – sie verbrauchen also enorm viel CO2. Zudem werden diese Blumen in Monokulturen gezüchtet, die für die Biodiversität leider überhaupt nicht nützlich sind, im Gegenteil. Genauso, wie wir darauf achten, woher unser Essen kommt, sollte es uns auch interessieren, wie unsere Schnittblumen produziert werden.» Nicht nur die Produktion und der Transport von Blumen können die Umwelt belasten, sondern auch der Steckschaum für Blumenarrangements, der ursprünglich als Isolierungsmaterial auf dem Bau verwendet wurde.

«Er wird aus Erdöl hergestellt, ist nicht abbaubar und verfällt letztlich zu Mikroplastik», erklärt Maja Bartholet. «Man stelle sich also beispielsweise all den Grabschmuck vor, der auf Friedhöfen auf dem Boden liegt. Da rieselt der Plastik in die Erde. So kommen diese gesundheitsschädlichen Stoffe in unser Grundwasser.» Darum werden weder auf dem Bluemehof noch bei der Blumenpost oder Fleuraissance Steckschaum verwendet.

Angela Meraviglia von Blumenpost gibt Tipps für einen nachhaltigeren Umgang mit Blumen: «Das Problem mit dem Steckschaum lässt sich am einfachsten umgehen, indem man Hasendraht verwendet, aus dem eine Kugel formt, diese in eine Vase gibt, und die Blumen dort hineinsteckt. Auch in Steckwolle können Blumen hübsch arrangiert werden. Wenn die Blumen verwelkt sind, können beide Materialien ein weiteres Mal verwendet werden.» Steckigel aus Metall seien eine gute Alternative zu Steckschaum. 

«Beim Blumenkauf ist es hilfreich, wenn Kundinnen und Kunden nach Schweizer Blumen fragen und sich bewusst werden, dass nicht alle Blumen das ganze Jahr über angeboten werden können. Es ist wichtig, den Floristinnen und Floristen zu signalisieren, dass regionale und saisonale Blumen gefragt sind.»

 

‣ Weitere Informationen zu den im Artikel erwähnten Angeboten finden sich über die Webseiten blumenpost.com, vombluemehof.ch und fleuraissance.ch 


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