2026–05–04T10:58:03GMT+0200

Ein Geständnis am Anfang: Ich bin ein grosser Fan von Frühlingskuren aller Art (das ist noch nicht das Geständnis). Leber reinigen, überhaupt alles putzen, das Haus, den Körper von innen, auch den Geist – damit ich als neuer, besserer Mensch in den Sommer starten kann. Diesen Plan fasse ich jeden Winter. Der Löwenzahn (Taraxacum officinale) eignet sich laut Naturheilkunde für dieses Unterfangen bestens, und ausserdem wächst er überall. Aber jetzt kommts: Meine Kur besteht nicht etwa darin, dass ich jeden Tag einen Stängel kaue, sondern darin, dass ich Pflanzensaft aus der Apotheke trinke.

Das fühlt sich dann manchmal etwas seltsam an. Gründe dafür sind natürlich meine Faulheit, aber auch das Bewusstsein, dass man Wildpflanzen, so zahlreich sie auch sein mögen, nicht endlos sammeln soll.

Schon in der Antike pisste man ins Bett

Einen Text über Löwenzahn zu schreiben ist ein undankbares Unterfangen: Man könnte natürlich mehrere Bücher füllen, wollte man ihm gerecht werden. Das beginnt schon damit, dass mir auf die Schnelle mindestens sieben, acht Namen für dieses Pflänzchen einfallen. Das glauben Sie mir nicht? Chrottepösche (so habe ich ihn als Kind genannt), Ankeblueme, Söiblueme, Pusteblume, Milchblueme, Kuhblume, Bettseicher oder Seichkraut (allein in der Schweiz soll es über 60 Bezeichnungen für Löwenzahn geben, krass!). Letztere beiden Namen stehen übrigens auch auf meinem Pflanzensaft, den ich mir dreimal am Tag genehmige, halt einfach auf Französisch: Pissenlit. Weniger geläufig wäre das naheliegende dent-de-lion (während ich diese Zeilen schreibe, merke ich peinlicherweise, warum der Löwenzahn auf Englisch dandelion heisst).

Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass sogar der lateinische Name ‒ Taraxacum ‒ andeutet, dass der Löwenzahn harntreibend ist: Taraxacum soll aus dem Arabischen tarak (lassen) und sahha (pissen) stammen. Bei all diesen eindeutigen Bezeichnungen stelle ich mir lieber einen Löwen-Zahn vor: eine vor Kraft strotzende Pflanze, zackig unterwegs und heller scheinend als die Sonne an vielen Tagen.

Verschupft im Frühling, der Star im Herbst

Aber zurück zur Natur. In einer Löwenzahnwiese zu sitzen, empfinde ich als seltsam beruhigend. Im Sinne von: an einer besonders gechillten Gartenparty. Die gelben Blüten sehen aus wie zerzauste Lampenschirme. Als ob sie einen grossen, grünen Festplatz erhellen wollten.

Derzeit blättere ich übrigens ‒ nicht nur im Freien ‒ gern in «Das Löwenzahnbuch», das eben erschienen ist. Ich sagte ja: Man könnte Bücher schreiben! Mechtilde Frintrup hat es getan. Sie sei Typografin, Grafikerin, Heilpflanzenpraktikerin und Naturkünstlerin, steht auf der Website des Verlags, und sie biete Kurse zur Brennnesselfaserherstellung an. Im Buch derweil sind Anleitungen zu finden, wie man mit Löwenzahnstängeln weben kann. Nichts, das ich jetzt unbedingt machen müsste. Auch keine Halskette. Frintrup schreibt nämlich, dass die Pflanze in der griechischen Mythologie Hekate, der Göttin der Magie, der Unterwelt und der Dunkelheit, zugeordnet wird. Und um mit ihr in Kontakt zu kommen, habe man Ketten aus getrockneten und aufgereihten Löwenzahnwurzeln getragen.

Nun ja. Da stelle ich mir einen Kopfschmuck, den wir uns als Kinder immer bastelten (den, bei dem man einen Schnitt in den Stängel macht und die Blumen dann zusammenkettet), irgendwie schöner vor.

Und wenn ich schon sentimental in alten Zeiten schwelge: Mein Bruder und ich hatten schon sehr früh ein Lieblingsbuch. Es hiess «Etwas von den Wurzelkindern», ein Bilderbuch, in dem Mutter Erde ihren Wurzelkindern im Frühling neue Kleidchen näht und sie an die Erdoberfläche schickt. In Reih und Glied klettern die Blumenkinder also hoch, der Löwenzahn irgendwo in der Mitte der Polonaise, allerdings etwas unscheinbar. Seinen grossen Auftritt hat er auf dem Bild, das den Herbst darstellt: Dann, wenn die Kinderschar heimkehrt, ist einzig der Löwenzahn noch als Blume erkennbar – seine Samen fliegen davon, es friert einen schon beim blossen Anblick.

Löwenzahn trinken

Während ich so in der Wiese sitze und weiss: Die Zeit des Löwenzahns ist bald wieder vorbei (man findet das ganze Jahr über einzelne Pflanzen, aber nie mehr ganze Blütenmeere), fällt mir ein britischer Gartenprofi ein, dem ich auf Instagram folge. Auf @nettlesandpetals verrät Jamie Walton Tricks zum biologischen Gärtnern und gibt lustige Selbstversorgertipps (sein Buch gibt es leider nur auf Englisch: «Nettles and Petals: Grow Food. Eat Weeds. Save Seeds», Quarto). Letzthin zeigte er, wie er aus den Flugschirmchen kleine, nährstoffreiche Minilöwenzähnchen zieht. Und wenn Sie jetzt denken: Whaaat?, dann probieren Sie es selber aus, es funktioniert: Man streut Samen auf einen mit Erde gefüllten Blumenuntersetzer, benetzt es regelmässig mit Wasser und erntet nach einer Woche oder so fancy Microgreens.

Aber vielleicht ist das eher etwas für das fortgeschrittene Jahr. Jetzt könnte man noch eine Lemon-Curd-Torte mit Löwenzahn und Brennnesseln backen (in besagtem Löwenzahnbuch ist beschrieben, wie das geht, grundsätzlich wird der Löwenzahn in den Curd gegeben, die Brennnesseln in den Biskuitteig). Sieht super aus, ist aber etwas aufwendig.

Rezept

Ebenfalls aus dem schönen Werk über Löwenzahn ist das folgende einfache Rezept für

Löwenzahn-Sekt (oder -Limonade):

Man löst 50 g Honig in 2 l lauwarmen Wasser auf,

gibt 30–40 g Löwenzahnblütenblätter bei
(für einen herberen Geschmack nehme man die ganzen Blüten, für einen milden, lieblichen Sekt die abgezupften Blütenblätter)

und eine in feine Scheiben geschnittene Zitrone.

Immer wieder mit einem Holzlöffel umrühren und an einem warmen Platz stehen lassen. Nach einem Tag absieben. Für den Sekt lässt man die Flüssigkeit zwei weitere Tage stehen, filtert sie dann ab und füllt sie in Bügelflaschen, etwas Platz zum Gären nach oben lassen. Die Flaschen nun im kühlen Keller für mindestens sechs Monate stehen lassen. Vorsichtig öffnen!

Die Zeit, in der Löwenzahn die Wiesen wie an einer schönen Gartenparty erhellt, wird dann vorbei sein. Aber man soll die Feste ja feiern, wie Löwenzahnschirmchen fallen, und weiter, das habe ich im «Lexikon der Pflanzensymbolik», in dem ich sehr oft stöbere, gelesen: In der Blumensprache teilt der Löwenzahn Folgendes mit: «Wir sehen uns wieder!»

Bücher: 

  • Sibylle Olfers: Etwas von den Wurzelkindern, Thienemann-Esslinger-Verlag

  • Mechtlide Frintrup: Das Löwenzahn-Buch. Die Nahrungs- und Heilpflanze für Kreativität und Erneuerung, AT-Verlag

  • Clemens Zerling: Lexikon der Pflanzensymbolik, Synergia 


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