Tiefgreifende Gedanken meiner ambivalenten Beziehung zu Efeu und dazu Historisches aus dem Fundus der Bücherwelt.
Klettergarten – oder warum sich meine Beziehung zum Efeu
ändern muss
Text ― Nina Kobelt
Bilder ― Nina Kobelt; Freepik

Mein Verhältnis zu Efeu (Hedera helix) ist ja höchst gespalten. Einerseits beeindruckt mich die Attitüde dieser Pflanze ungemein. Sie schlängelt sich durchs Land und macht es sich bequem, wo es ihr gefällt – kein schlechtes Leben, dünkt mich.
Andererseits umgibt sie stets eine Aura von Düsternis. Selbst wenn die Sonne scheint. Konkret sind es zwei Gründe, die für ein unentspanntes Verhältnis sorgen zwischen dem Efeu und mir. Erstens krallt sie sich in meinen Rasen, der gar kein Rasen mehr ist, sondern etwas zwischen moosigem Waldboden und verkümmerter Magerwiese. Dem Efeu ist das herzlich egal, es breitet sich sogar auf diesem Boden aus, von den Rändern her kriecht es Richtung Mitte (wo sommers meine Liege steht). Gerade eben habe ich angefangen, Efeu zu entfernen, es war der lächerliche Versuch, den Heidelbeerstrauch zu retten (er dämmert neben dem Efeu vor sich hin, auch er scheint sich zu fügen). Botanisch nennt man Efeu einen Baumwürger, was ja eigentlich alles sagt. Zweitens spannen bald Hunderte von Kreuzspinnen ihre Netze zwischen den Efeublättern, die eine meiner Hauswände überziehen. Das ist super für die Biodiversität, schon klar, aber die Szene könnte locker aus einem Horrorfilm stammen.

Kürzlich bin ich über ein sehr schönes Bild von Efeu gestolpert (meine Wortwahl wird von meinem Rasen beeinflusst, fürchte ich). Ein sehr altes Bild, es stammt aus dem wohl ersten botanischen Bestseller von 1542 namens De historia stirpium oder aus der darauffolgenden deutschen Version New Kreüterbuch. Geschrieben und illustriert vom Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs (1501–1566). Die erweiterte Fassung ist in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zu sehen.
Einfacher schaut man sich den sehr aktuellen, hoffentlich bald auch Bestseller «Die Geschichte der Botanik in 300 Büchern» an.

Dieser illustrierte Bildband stellt die historisch bedeutendsten Bücher und Manuskripte über Pflanzenkunde vor sowie ihren Einfluss auf Gesellschaft und Wissenschaft. Von der Antike bis zur Gegenwart. Es wird darin ausgeführt, welche Auswirkungen der Buchdruck auf Pflanzenbücher hatte und was es mit dem Klassifizierungssystem von Carl von Linné auf sich hat. Und kleine, feine Geschichten sind enthalten, zum Beispiel, dass Beatrix Potter, eine britische Kinderbuchautorin, deren Bücher ich so liebe, sich einst intensiv mit Pilzen beschäftigt hatte, aber nicht Mitglied der Linnean Society of London (naturforschende Gesellschaft und Hüterin der Sammlungen von Carl von Linné) sein durfte. Klar: Ende des 19. Jahrhunderts war das ein Männerclub.
Im Buch finden sich neben vielen Zeichnungen, von denen die meisten tätowierenswert sind, skurrile Dinge, mit denen ich mich noch weiter beschäftigen will. Etwa mit der Alraune, deren Wurzeln oft in Menschengestalt illustriert worden sind, folgende im Jahr 1485.

Solche Darstellungen, heisst es im Buch, hätten den Mythos genährt, die Alraune schreie (und töte mit ihrem Geschrei), wenn man sie ausreisse. Dark, gell? Aber nicht so furchteinflössend wie die Spinnen.
Und damit zurück zum Efeu, der es naturgemäss schwer hat mit seinen dunklen Früchten, die in diesen Tagen heranreifen, und unscheinbaren weissen Blüten, zumindest neben Kräutern, die mit Anmut und lieblichem Aussehen trumpfen. Sogar die nervige Zaunwicke scheint mir absolut harmlos neben einem Efeu. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, meine Sichtweise zu ändern. Oder anders: Man muss dem ja auch Respekt zollen, wenn eine Pflanze bis 30 Meter hoch klettern oder über 300 Jahre alt werden kann (wobei heutiges Efeu den Leonhart Fuchs dann doch nicht mehr erlebt haben dürfte). Und, man verzeihe die saloppe Ausdrucksweise: Dass Efeu blüht, wenn sich die Natur zurückzieht, nämlich bis spät in den November, zeugt von einer unglaublichen Coolness. Ausserdem leitet sich der Name ab vom indogermanischen «iwe» – «ewig», was sich wohl auf sein immergrünes Kleid bezieht, aber eben vielleicht auch auf die Tatsache, dass Efeu sich auf immer und ewig festkrallt, wo es ihm gefällt. Ob ich das will oder nicht.

Die englische Bezeichnung übrigens, Ivy, ist mir schon länger geläufig, genauer: seit der Kantonsschule. Ivy war die Geliebte von Walter Faber, dem Protagonisten von Max Frischs «Homo faber». Ivy ist Mannequin (so sprach man damals) und wird in der tragischen Inzestgeschichte nur oberflächlich beschrieben, was nichts an der wohlüberlegten Namenswahl ändert: Ivy war eine Klette. Sie war mir mit 17 höchst unsympathisch.
Wasch-Rezepte
Efeu, so habe ich verschiedentlich gelesen, wurde früher zum Waschen verwendet. In Ursel Bührings «Alles über Heilpflanzen» (Ulmer-Verlag) habe ich eine etwas aufwendigere und eine einfache Anwendung gefunden:
100 frische Efeublätter zerkleinern und 30 Minuten lang in 2 Liter Wasser kochen und abfiltern. Die Waschbrühe soll besonders wirksam sein bei Wolle oder Seide.
Oder man stopft 20 Efeublätter in eine Socke, knotet diese zu und gibt sie der Wäsche bei.
Ich habe weder das eine noch das andere ausprobiert. So weit bin ich noch nicht.
Buch-Tipp:
Carolyn Fry und Emma Wayland
Die Geschichte der Botanik in 300 Büchern
272 Seiten, 335 Abbildungen, Haupt Verlag, 2025