ETH-Professor Bruno Studer spricht über die neuen genomischen Techniken, erklärt, wo die Grenzen zur Gentechnik sind und warum mit strengeren Regulierungen die globalen Züchtungsfirmen noch stärker dominieren würden.
«Wenn wir die Bedenken ernst nehmen, braucht es nicht mehr Einschränkungen»
Text ― Bettina Kiener und Julia Spahr
Bilder ― zvg; Freepik KI

«Schweizer Bauer»-Magazin: Sie sind Professor für molekulare Pflanzenzüchtung an der ETH Zürich. Was macht Ihre Forschungsgruppe?
Bruno Studer: Wir versuchen zu verstehen, wie die Eigenschaften der Kulturpflanzen genetisch kodiert sind. Mit diesem Wissen wollen wir effiziente Züchtungsmethoden entwickeln und schnellere Zuchtfortschritte ermöglichen.
Wenn von neuen Züchtungstechnologien gesprochen wird, worum geht es genau?
Dieser Sammelbegriff umfasst ein ganzes Set von Methoden und Werkzeugen. Und zwar nicht nur solche der Gentechnologie. Um möglichst sachlich zu bleiben, spricht man am besten von neuen genomischen Techniken (NGT).
Erklären Sie.
Die Frage ist, was wir mit diesen Züchtungswerkzeugen machen. In der klassischen Pflanzenzüchtung gibt es neben der Kreuzungszüchtung auch die Mutagenese, also die bewusst erzeugte und ungezielte Veränderung im Genom eines Organismus. Bei dieser klassischen Mutagenese entstehen Zehntausende unkontrollierter Veränderungen überall im Genom. Auf der anderen Seite gibt es die Gentechnologie. Früher konnte man diese Bereiche klar voneinander trennen, auch auf gesetzlicher Ebene.
Und jetzt?
Heute ist die Abgrenzung schwieriger. Man kann mittels neuer Technologien, wie zum Beispiel Crispr-Cas, ebenfalls Genomveränderungen erzeugen – wie bei der klassischen Mutagenese, nun jedoch gezielt und ohne Beeinträchtigung anderer Genorte. Man kann aber auch ein ganzes Gen einfügen und somit neue Information in ein Genom bringen. Dann sind wir nahe bei der klassischen Gentechnik.
Von Crispr-Cas wird häufig gesprochen. Was gibt es für andere Methoden?
Da gibt es einige. Ein Beispiel ist TEgenesis. Diese Methode basiert auf einem natürlichen Mechanismus, bei dem ein Organismus sein Genom neu organisiert, wenn er unter Stress steht und sich an eine veränderte Umwelt anzupassen versucht. Die dafür notwendigen springenden Gene, die Transposons, können auch mithilfe von Stress und Chemikalien aktiviert werden. Das hat wenig mit unserem gängigen Verständnis von Gentechnologie zu tun.
Die EU will den Einsatz von NGT lockern und dafür zwei Kategorien einführen: NGT1 und NGT2. NGT1-Pflanzen werden dabei den herkömmlich gezüchteten Pflanzen gleichgestellt, und nur deren Saatgut muss als solches gekennzeichnet werden. Bei NGT2-Pflanzen mit komplexeren genomischen Veränderungen ist auch die Kennzeichnung der Produkte, die aus dem entsprechenden Saatgut entstehen, obligatorisch. Der Schweizer Gesetzesentwurf sieht für Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien eine Umweltrisikoprüfung vor.
Wenn das «Bundesgesetz über Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien» kommt: Was heisst das für die Bauern in der Schweiz? Dürften sie Sorten, die mithilfe neuer genomischer Techniken gezüchtet wurden, hierzulande anbauen?
Ohne vorgängige Umweltrisikoprüfung nicht. Und eine solche würde nicht nur Zeit und Geld kosten, sondern für NGT1-Pflanzen auch einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Bauern in der EU schaffen.
Was sind die Konsequenzen, wenn wir uns der EU nicht annähern?
Jeder Austausch von Pflanzenmaterial aus NGT würde erschwert oder verunmöglicht. Für die Züchtung wäre das verheerend. Aber auch für die Versorgung. Wir haben nicht für alle Kulturpflanzen eigene Züchtungsprogramme in der Schweiz. Bei Gemüse, Raps oder der Kartoffel beispielsweise, bei denen wir direkt auf den Import angewiesen sind, würde es schwierig werden, damit umzugehen.
Was wäre die Lösung?
Wir beschränken uns auf den Import von Pflanz- und Saatgut ohne NGT, sofern längerfristig noch verfügbar. Das ist keine gute Lösung angesichts der Herausforderungen im Pflanzenbau.

Wird es künftig noch klassische Pflanzenzüchtung geben?
Natürlich. Diese wird nicht ersetzt. Sie würde allerdings einen Schub bekommen, wenn sie sich gezielt mit NGT kombinieren liesse. Das sind Fragen, die wir uns in der Forschung stellen: Wie lassen sich NGT mit der klassischen Züchtung verbinden, um am effizientesten züchten zu können?
Wird die Züchtung schneller werden mithilfe der neuen genomischen Techniken?
Ganz sicher. Gewisse Dinge sind mit der klassischen Züchtung kaum möglich oder erst innerhalb von mehreren Jahren oder Jahrzehnten. Mit den neuen Methoden liessen sich bestimmte Veränderungen innerhalb einer Generation verwirklichen. Das ist vor allem bei mehrjährigen Kulturpflanzen wie der Rebe oder dem Apfel entscheidend, da die Zeit bis zur Markteinführung einer neuen Sorte mehrere Jahrzehnte dauert. Zudem sind bestimmte Sorten am Markt fest etabliert – und genau jene sortenspezifischen Eigenschaften, die wir etwa bei der Merlot-Traube oder beim Gala-Apfel besonders schätzen, gehen durch klassische Züchtung verloren.
Können Pflanzen, die mittels NGT zum Beispiel zu einer Krankheitsresistenz kommen, diese auch wieder verlieren?
Natürlich. So funktioniert Evolution. Die Resistenz oder die Anfälligkeit ist in den allermeisten Fällen eine Interaktion zwischen dem Wirt – in unserem Fall der Kulturpflanze – und dem Pathogen. Und je nachdem, wie schnell sich der Krankheitserreger verändert, kann auch die Resistenz zusammenbrechen. Mit NGT wäre es jedoch möglich, verschiedene Resistenzen zu kombinieren oder auszutauschen. Und so könnte man je nach Sorten mit unterschiedlichen Resistenzquellen arbeiten. Durch diese räumliche und zeitliche Diversifizierung käme der Erreger kaum dazu, eine Resistenz zu durchbrechen.
Warum gibt es in der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber den neuen Züchtungsmethoden?
Diese haben meist einen emotionalen Hintergrund und gehen zurück auf die klassische Gentechnik der ersten Stunde. Natürlich brauchte man damals Gesetze und ging mit Vorbehalt an die Thematik heran. Aber heute haben wir 25 Jahre mehr Erfahrung mit der Technologie, und die damals antizipierten Risiken haben sich in dieser Form nicht bewahrheitet. Zudem sind die Methoden ausgereifter und präziser. Oft geht es auch nicht um naturwissenschaftliche Bedenken, sondern um Patentierung. Die Leute fürchten, dass das Züchterprivileg unter Druck kommt und die genetische Diversität längerfristig eingeschränkt werden würde.
Laut dem Schweizer Sortenschutzgesetz gilt das Züchterprivileg: Jede Sorte darf zum Kreuzen verwendet werden, wobei die Zustimmung des Sortenschutzinhabers nicht erforderlich ist. Und auch den Bauern wird ein Privileg gewährt: Sie dürfen einen Teil ihrer Ernte im nächsten Jahr auf dem Betrieb als Saatgut verwenden und damit quasi ihre betriebseigenen Sorten züchten.
Was noch?
Auch die multinationalen Saatgutfirmen sind Teil der Bedenken. Letztlich würden «nur noch diese bestimmen, was auf unseren Tellern landet», liest man. Das stimmt natürlich so nicht. Wenn wir jedoch diese Bedenken ernst nehmen wollen, müssen wir auf politischer Ebene nicht mit noch strengeren Regulierungen kommen. Wir erreichen damit nur, dass die neuen Technologien immer mehr in die Hände der grossen Saatgutfirmen gehen. Denn mit mehr Regulierungen braucht es aufwendige Deregulierungsprozesse, die sich nur die grossen Firmen leisten können.
Welchen Ausweg sehen Sie?
Wir müssen Abhängigkeiten lösen. Die grossen Firmen sind am Markt so dominant, weil sie sehr erfolgreich gezüchtet haben. Sie haben in den letzten 40 Jahren enorme Ressourcen investiert, um die Pflanzenzüchtung hochprofessionell voranzutreiben. Darum war ihr Zuchtfortschritt so gross, und die Unternehmen sind über die Jahre so dominant geworden. Wir müssten es also umkehren: Wir müssen die Innovation und die teuren Technologien, die sich sonst nur die ganz grossen Züchtungsfirmen leisten können, hierzulande in einem Kompetenzzentrum anbieten, damit alle Zugang zu den Methoden haben, die wollen. Aus diesem Grund haben wir vor anderthalb Jahren das Swiss Plant Breeding Center gegründet.
Das Swiss Plant Breeding Center ist ein Kompetenz- und Innovationszentrum für Pflanzenzüchtung in der Schweiz. Es hat zum Ziel, Innovationen aus der Forschung in der praktischen Züchtung umzusetzen, um so die Schweizer Pflanzenzüchtung zu stärken.
Vonseiten der Gegner heisst es, Gentechnik überschreite natürliche Grenzen und störe das Gleichgewicht zwischen Mensch, Tier und Natur. Was antworten Sie darauf?
Vor 12'000 Jahren haben wir durch das Sesshaftwerden, das Domestizieren der Tiere und das Anbauen von Kulturpflanzen angefangen, das Gleichgewicht zu stören. Fast nichts von dem, was wir heute essen, ist natürlich entstanden. In vielen Köpfen herrscht die romantische Idee eines Gleichgewichts vor. Tatsächlich gibt es das aber nicht. Wollten wir dieses Gleichgewicht wahren, gäbe es keine Landwirtschaft.
Sie sind auf einem Milchwirtschaftsbetrieb in der Zentralschweiz aufgewachsen. Hat diese Herkunft Ihren Weg bis zum ETH-Professor beeinflusst?
Ganz bestimmt. Ich habe mich immer für die Natur und für Landwirtschaft interessiert. Die Schnittstelle zwischen Tradition und Bodenständigkeit und Technologie und Innovation finde ich sehr spannend. Da liegen noch ganz viele Dinge brach.
Sind die bodenständigen Werte kein Widerspruch zu Ihrer Forschung?
Im Gegenteil. Mit unserer Arbeit versuchen wir dazu beizutragen, die landwirtschaftliche Produktion nachhaltiger zu machen.
Aktuelle Gesetzeslage in der Schweiz:
Seit 2004 ist in der Schweiz das Gentechnik-Gesetz in Kraft. Dieses schützt Mensch und Umwelt vor Missbräuchen in der Gentechnologie. 2005 wurde ein fünfjähriges Gentech-Moratorium angenommen, und seitdem ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen verboten, mit Ausnahmen für die Forschung. Das Moratorium wurde mehrfach verlängert, aktuell bis 2030. Anfang April 2025 hat Bundesrat Albert Rösti zudem einen Entwurf für ein neues Züchtungstechnologiengesetz präsentiert mit dem Ziel, ein risikobasiertes Zulassungsverfahren für Pflanzen aus neuen Züchtungstechnologien in der Schweiz zu etablieren. Das Ergebnis der Vernehmlassung zeigte, dass sowohl Befürworter wie Gegner Röstis Vorschlag ablehnen. Der Ball liegt nun beim Bundesrat.